Auf dem Weg in den Advent

Die Schwester in Burghausen kocht gern und gut und es gibt für jeden Tag einen vorher festgelegten Speiseplan. Auf dem Wochenmarkt wird regional eingekauft und ich habe meine Freude an den für mich ungewöhnlichen Speisen und fast noch mehr freue ich mich am bayerischen Zungenschlag der Händler. Mittags komme ich hier mal wieder zu Gulasch mit Mehlklößen und Gurkensalat, zu Karthäuserklößen mit Weinschaumsoße, aber auch zu neuen Gerichten wie Hähnchen mit rotem Camarguereis und Gorgonzolasoße oder Fisch mit Meerrettichsabayone.

Den Ausgleich bilden lange Spaziergänge mit den Hunden entlang der Salzach oder oben auf der Burg. Diese Burg ist  mit 1051 Metern die nachgewiesen längste Burganlage der Welt, nur irgendwo in Indien gibt es ein Fort, das ist länger, aber das ist eben keine Burg. Von der Burg kann man hinüber sehen nach Österreich oder hinunter auf den dahinter liegenden Wöhrsee. Überhaupt, Österreich, es ist hier allgegenwärtig. Man fährt eben zum Einkaufen hinüber, zum Spaziergang und natürlich zum Tanken, was sich wirklich lohnt. Wenn früher in Burghausen Kinder geboren wurden, bekamen sie schon im Krankenhaus einen Kinderausweis, weil man oft mehrmals die Woche aus irgendwelchen Gründen die Grenze überquerte. Heute merkt man die Grenze nicht wirklich, man weiß es eben beim Überqueren der Salzach. Das Burghausener Jazzvestival ist weit über die Grenzen bekannt. Dass Burghausen durch die Wackerwerke eine recht wohlhabende Stadt ist, zeigt sich an vielen Kleinigkeiten, die hier optimal funktionieren. Diese Dinge fallen nur jemandem auf, der es auch anders kennt. Doch auch hier im südöstlichen Zipfel Bayerns ist Vetternwirtschaft und Gschaftlhuberei von Großkopferten der Bremsstein im Getriebe, also doch keine heile Welt.

Apropos „Heile Welt“: Aus Hochburg, einem nahen winzigen Weiler in Österreich kommt Franz Xaver Gruber, dessen Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ vor genau 200 Jahren am 24. Dezember 1818 uraufgeführt wurde. Damals waren die Zeiten schwer, der Landstrich arm, aber man hoffte auch. All das spiegelt sich im Lied wieder und dürfte mit der Grund für die rasche weltweite Verbreitung sein. Burghausen hat einen Wettbewerb ausgerufen, ein gutes Preisgeld ausgelobt und zusammen mit einigen Professoren aus dem In- und Ausland die drei Sieger ermittelt.

Film zum Stille-Nacht-Wettbewerb der Stadt Burghausen

Heute sollen die Stücke der drei Gewinner vorgestellt werden, dafür haben wir schon vorher kostenlose Platzkarten für die Kirche St. Jakob geholt. Warm eingepackt sitzen meine Schwester und ich im vorderen Teil der Kirche und lauschen den unterschiedlichen Darbietungen. Ein Chor singt das 8-strophige Originallied, Kinder führen ein kleines Stück über die Verbreitung des Liedes auf, der Bürgermeister spricht, zweiter und erster Gewinner werden vorgestellt. Dann kommt der Orgelteil. Wo schon die Orgel als Instrument aufgrund ihrer Möglichkeiten große Klangvielfalt verspricht, kommt nun die sehr unterschiedliche Interpretation dazu. Das Thema wird vielfältig variiert, mal als Fuge, mal als orientalisches Bild, mal völlig modern. Es ist nicht immer leicht, das veränderte Thema zu finden, aber mit einigem Hineinhören möglich.

Laki und ich fahren mit dem Zug wieder heim. In der Nacht hat es hier geschneit und ich sitze am Fenster und löffle die Suppe, die mir die Schwester in die Thermoskanne gefüllt hat. Draußen weiß, im Kopf noch die Klangvielfalt der Orgelmusik, vor mir die dampfende Köstlichkeit – ja, so kann sich die Adventszeit anlassen.

Beim Umsteigen in Mühldorf ergibt sich eine Verspätung. Ob ich nun den Anschluss in München noch kriege, können mir auch die Zugbegleiter nicht sagen. Ich soll rennen, sie wünschen mir Glück. Das ist leichter gesagt als getan, denn der Koffer ist jetzt noch schwerer als bei der Hinreise, der Hund ist störrisch, weil er sein warmes Plätzchen im letzten Zug nur ungern aufgegeben hat und die Strecke innerhalb des Bahnhofs ist weit und holperig. Mit rasselndem Atem komme ich am wartenden Anschlusszug an und brauche eine ganze Weile, bis ich mich auf meinem neuen Sitzplatz erneut eingerichtet habe.

Kurz vor meiner Heimatstadt stehe ich mit Hund und meinem unmäßigen Gepäck an der Tür. Ich will ja nicht, dass ich wieder den Ausstieg übersehe. Ich erkenne eine 12 Kilometer davor liegende Gemeinde am Kirchturm wieder und rechne schon aus, welchen Bus ich zu meiner Wohnung noch kriegen könnte. Der Zug hält an und steht. Eine Weile steht er, aber das kennt man ja. Stellwerk, entgegenkommende Züge, Weiche, irgendsoetwas. Eine Durchsage kündigt an, der Zug komme nicht in meine Heimatstadt „wegen Personenschadens im Hauptbahnhof“, man könne aber hier nicht aussteigen, da der Bahnsteig hier zu kurz sei, der Schaffner werde das Zugende wechseln und zurückfahren. Die Orte die er anfahren will, kenne ich und blitzschnell wird mir klar, dass das ein Umweg von mindestens 150 Kilometern werden wird, und dass dann immer noch nicht klar ist, wie ich nach Hause komme. Den Gesichtern der Mitreisenden sehe ich an, dass sie ähnliche Überlegungen anstellen. Verzweiflung, Panik, Wut und beginnendes Aufbegehren lese ich darin. Und tatsächlich werden erste Stimmen laut. So beginnt eine Meuterei, denke ich noch. Es wird turbulent, überall wird telefoniert, Menschen quetschen sich aneinander vorbei. Der Unmut kommt wohl auch bei Zugführern und Zugbegleitern an.

Endlich kommt eine weitere Durchsage, man könne doch aussteigen, wenn man ausschließlich die Tür in Wagen 25 benutze. Jetzt ordnet sich das Chaos und eine große Menschenschlange setzt sich mit Gepäck in Bewegung, ich und Koffer und Hund mittendrin. Bei einsetzender Dunkelheit stehen wir Gestrandeten auf dem kleinen Bahnhofsvorplatz, ein ebenfalls gestoppter Regionalzug hat die Zahl der Leute auf einige Dutzend anwachsen lassen. Unvermittelt sind wir zu einer kleinen Schicksalsgemeinschaft geworden und da heißt es zusammenhalten. Der nächste Bus kommt in eineinhalb Stunden. Auf den warten wir nicht. Daher schließen wir uns zu taxitauglichen Grüppchen zusammen und telefonieren. Ein junger blonder Mann nimmt die Sache in die Hand, mit von der Partie sind ein Pendler, der heim zu Frau und Kind will, eine ältere Dame, die sich um die anfallenden Kosten sorgt und ich mit  dem schwarzen Hund.

Endlich kündigt sich das Taxi an, doch der Fahrer finde den Bahnhof nicht. Wir Wartenden schauen uns an, Fragezeichen im Blick. Na gut, dann laufen wir eben dem Taxi entgegen, er warte an der Tankstelle, dessen rotgelbes Schild wir in der Dunkelheit leuchten sehen. Als wir endlich ankommen, mault der Taxifahrer, dass der Hund nicht angegeben worden sei am Telefon, er möge Hunde nicht, wegen der Fussel. Aber nun bin ich so weit, dass ich auf derartige Empfindlichkeiten keine Rücksicht mehr nehme. Und außerdem sind das Haare, keine Fussel. Wenn schon, dann richtig! Ich quetsche mich wortlos auf den Beifahrersitz und Laki inspiziert unterdessen haarend den Fußraum nach Krümeln.

Hier ist es warm, das Taxi kommt im Feierabendverkehr langsam, aber stetig vorwärts. Wir Reisende unterhalten uns. Dabei erzählt der junge blonde Mann von seinem letzten Auftrag in Hamburg. Ich vermute erst, dass er als Model arbeitet, aber er singt. Er habe schon in früher Jugend mit Erlaubnis seiner Eltern immer mal wieder Filmchen bei YouTube eingestellt und dann sei Sony auf ihn aufmerksam geworden, er sei von denen zu einem längeren Workshop für Songwriting in Nashville geschickt worden und habe später einen Vertrag von Sony bekommen. Ich bin spontan beeindruckt und google später seinen Namen Mika Setzer. Und in der Tat hat der Junge was drauf, wenn es auch nicht das ist, was ich so höre.

Am Heimatbahnhof zahlen wir jeder 6 Euro und ich sehe beim Aussteigen aus dem Taxi in der Dunkelheit schon den Bus, der mich und Laki nach Hause bringen wird.

Badefreuden

Nördlich von Burghausen gibt es ein so genanntes „Bäderdreieck“, Bad Füssing, Bad Griesbach und Bad Birnbach. Thermalquellen verhalfen im vergangenen Jahrhundert einem eigentlich armen Landstrich zu enormem Aufschwung.

Und seit Jahren schlummert in einer Schublade meiner Schwester ein Gutschein für zwei Personen zu einem vierstündigen Aufenthalt. Ich habe einen Badeanzug und Badeschlappen dabei (und bin frisch gewaxt), die Schwester steuert Bademantel und Handtücher bei und der studierende Neffe passt im Haus auf unsere insgesamt drei Hunde auf. Also nichts wie weg!

Wir sitzen im Auto und der Vollständigkeit halber zeigt das Navigationssystem den Weg. Aber nicht mit meiner Schwester! Unvermittelt biegt sie ab: „So ist es kürzer, das wird die Susi (ah, hier heißt sie Susi, nicht Steffi wie bei mir) gleich einsehen.“ Aber die Susi ist erstaunlich stur. Nachdrücklich bleibt sie bei ihrem Vorschlag zu wenden. Meine Schwester ist leicht ungehalten über diese dumme Streckenführung. Es geht einen Berg hoch, die Straße wird enger. Endlich löst sich das Rätsel: Die Schwester hatte von den drei Bädern das richtige eingegeben, aber das falsche im Kopf gehabt. Nach meiner gestrigen Fehlleistung beim Aussteigen aus dem Zug bin ich ganz erleichtert, dass nicht nur ich manchmal etwas benebelt im Kopf bin.

Als wir in Bad Füssing ankommen, habe ich Hunger und muss aufs Klo, wie sollte es auch anders sein. Auf die Schnelle versuchen wir, für mich eine Brezel zu organisieren. Leider kommen uns da zwei wundervolle Steppjacken in den Weg, die Größen passen uns. Zuletzt trugen wir Partnerlook in unserer Kindheit, damals wider Willen, ich immer in rot und sie immer in blau. Diese hier sind beide blau und toll verarbeitet. Wir probieren, ich zücke die neue Kreditkarte, wir bekommen den günstigeren Preis, und dann verlassen wir den Laden mit einer riesigen Tasche, aber ohne Brezel. Die kriegen wir in einem Café. Und das Problem mit meiner vollen Blase regle ich im Saunahof, kaum, dass wir drin sind.

Die Kartoffelsauna ist die erste, die wir finden. Dort ist es leer und wir breiten uns auf den Holzbänken aus. Leute kommen herein, noch welche, noch mehr. Wir schwitzen noch nicht einmal, da ist die Sauna so voll, dass die Heizkraft der Menschen fast ausgereicht hätte, um sie in Betrieb zu halten. Der Schwester wird es zu bunt, aber ich will bleiben, getreu meinem Vorsatz „Im Sabbatjahr mache ich Dinge, die ich noch nie gemacht habe“. Endlich kommt ein Mann in Bademeisterbekleidung herein und stellt ein Tablett mit winzigen weißen Schalen ab, ein Sandelholz-Meersalz-Peeling. Er gibt kurze Instruktion und überlässt uns dem weißen Gebrösel. Da wir zu zweit sind, bedenken wir auch den Rücken, ich achte sorgfältig darauf, jeden Zentimeter Haut mit Ausnahme der Gesichtshaut zu peelen. Später, nach dem Duschen ist meine Haut wundervoll zart. Wir statten dem warmen Sprudelbad im Innenhof einen Besuch ab, verbringen Zeit im Sole-Dampfbad, von dem ich mir Linderung meiner Erkältung erhoffe. Jetzt wollen wir etwas trinken. Wasser haben wir dabei, mehr als genug, aber es gibt ein Restaurant. Leider gibt es keine laktosefreie Milch. So bin ich gezwungen, statt des Kaffees ein kleines Bier zu trinken. Ich muss gestehen, ich habe schon größere Opfer gebracht. Die Schwester muss später noch Auto fahren, sie kriegt nur ein Heißgetränk.

Nun sind wir müde. Es gibt mehrere ganz unterschiedlich eingerichtete Ruheräume, alle sind recht voll. Da entdecken wir hoch unter dem Dach den Ruheraum mit Wasserbetten – zwei nebeneinander sind frei. Das Hinlegen gestaltet sich recht schwierig, da die Dinger wirklich schwappen. Auch muss man darauf achten, dass man so einigermaßen bedeckt liegt, was mit Bademantel schwierig ist. Die Schwester zieht die rosa-pinke Kapuze weit ins Gesicht, was sie ein wenig aussehen lässt wie einen geschmacksverirrten Sensenmann. Aber als wir dann endlich unsere Position gefunden haben, sinken wir fast zeitgleich in den Schlaf. Von unten strahlt Wärme, es ist weich und ruhig, wir wachen erst eine Stunde später wieder auf. Als wir dann im Klo nebeneinander vor dem Spiegel stehen, sehen wir beide um Jahrzehnte verjüngt aus.

Wir ziehen die Badeanzüge an und gehen durch einen Gang hinüber in die Therme. Die Menschen stehen unter freiem Himmel bis zum Hals im warmen Wasser, ein Mann hat einen altmodischen Hut auf, was sicher Sinn macht, wenn der Haarwuchs schwächelt. Wir sind ein bisschen unschlüssig, was wir da drin machen sollen, schwimmen soll man nicht, klärt mich die Schwester auf. Also zeigt sie mir, wie ich in der Wärme meinen Oberschenkelvordermuskel dehnen kann, das habe ihr bei Hüftschmerzen geholfen. Wir dehnen und giggeln und sind eindeutig die lautesten Leute im ganzen Pool. Plötzlich ertönt Musik aus dem Lautsprecher „Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen, … ♪“. Alle Menschen drehen sich um und blicken auf eine kleine Brücke, die mir vorher noch nicht aufgefallen war. WASSERGYMNASTIK! Die Schwester setzt an zur Flucht, aber ich will bleiben, weil „im Sabbatjahr, …“, eben. Ein junger Bademeister erklimmt die Brücke und leitet an. Die Übungen sind einfach, vermutlich für ältere Leute konzipiert. Die Musik hat gewechselt zu „Wann wird es endlich wieder Sommer?“ und „Anita, Anita, Anita, …“. Wir kriegen hier unsere Kindheit musikalisch aufbereitet. Das hat den Vorteil, dass wir die Texte können. Und da die Schwester Musikerin ist, kann sie auch noch wirklich gut mitsingen. Mittlerweile gucken die Leute zu uns. Auch weil es immer so wundervoll spritzt, wenn wir die Übungen machen. Und peinlich sein, das fällt uns schon immer leicht.

pool water splash feet
Photo by Markus Spiske temporausch.com on Pexels.com

Als die Gymnastik vorbei ist, schaffen wir es punktgenau, geduscht und angezogen am Ausgang zu erscheinen.

Am nächsten Tag habe ich schlimmen Muskelkater.

Reise nach Burghausen

Gleich vorweg: Dies wird kein Loblied auf die Deutsche Bahn.

Die Spritpreise steigen in den Himmel und der Ducato ist zwar für seine Verhältnisse noch sparsam. Aber da ich eine Bahncard habe, entscheide ich mich, diese auch zu nutzen. Per Internet geht das nicht, da ich zwar für mich supergünstige Spartickets finde, aber für den Hund nicht mitbuchen kann, und der kostet immerhin so viel wie ein Kind. Also gehe ich am nächsten Tag an den Schalter, und da kostet das Ticket an die Österreichische Grenze über Nacht merklich mehr. Die Dame am Schalter gibt mir den Tipp, das nächste Mal bei günstigen Tickets sofort zuzuschlagen und statt HUND eben KIND zu buchen. Gut, dass ich das jetzt auch weiß. Hoffentlich weiß das auch der Schaffner, der mich dann kontrolliert.

Laki und ich sind zeitig am Bahnhof. Wir haben viel Gepäck (ich habe eine Menge Zeug bei ebay eingestellt und nicht bedacht, dass ich bei Auktionsende nicht zu Hause bin und deshalb die fertigen Pakete einfach zusätzlich in den Koffer geschichtet) und ich will ganz sicher in Ruhe zum Bahnsteig kommen. Als wir die Bahnhofshalle betreten, steht da auf der Anzeigentafel schon mein Zug und dahinter kommt ein durchlaufender Text „Dieser Zug hat 20 Minuten Verspätung. Achten Sie bitte auf die Durchsage am Bahnsteig!“. Na, toll. Ich gehe erstmal zum Schalter. „Wenn Sie 10 Minuten früher da gewesen wären, hätte ich Ihnen eine andere Verbindung herausgesucht. Aber so …“. Der Mitarbeiter ist nett, aber er kann nicht hexen. Also sucht er mir in München neue Anschlusszüge heraus.

Laki und ich stehen in der Kälte mit anderen Reisenden am zugigen Bahnsteig. Laki friert, ich auch. Insgeheim bewundere ich eine junge Frau mit einem richtig knappen Minirock und schwarzen Netzstrümpfen. Wie muss die erst frieren. In Gedanken lebe ich noch mal die vielen Blasenentzündungen durch, die ich in meiner Jugend hatte. Nein, nun als Großmutter gebe ich meinen eigenen Omas Recht, die mir ständig warme Unterwäsche, lange Unterhosen und Nierenwärmer ans Herz legten. Laki ist ein vernünftiges Hundemädchen. Sie friert und will sich klugerweise nicht auf die kalten Pflastersteine setzen. Also setzt sie sich auf meine Füße, was die anderen Reisenden mit Schmunzeln und launigen Bemerkungen quittieren. Das ermuntert Laki, sie um Essbares anzubetteln. So vergeht die Zeit. Die Anzeigentafel hat sich mittlerweile bei 30 Minuten Verspätung eingependelt. Den Grund erfahren wir nicht wirklich.

Endlich kommt der Zug und wir finden einen guten Platz, wo Laki neben mir auf dem Boden selig schläft und niemanden stört. Glücklicherweise müssen wir den auch nicht freimachen. Denn trotz des hohen Fahrpreises hat ein Hund im Zug der DB nicht das Anrecht auf einen Platz vor einem Sitz, das habe ich früher schon erfahren. In München haben wir Zeit, die ich nutzen will, damit Laki pinkeln kann. Mit unserem riesigen Koffer gehen wir nach draußen, aber es gibt wirklich keinen einzigen freien Meter Erde, alles betoniert, voller Glasscherben oder mit Fahrrädern zugestellt. Also gehen wir – mit dem riesigen Koffer – in eine Seitenstraße, wo Bäume stehen. Aber gleich am ersten Baum prangt ein rotes Schild Achtung, hier wurde Rattengift ausgelegt!. Endlich erleichtert sich der Hund auf den Pflastersteinen und wir gehen zurück in den Bahnhof zu unserem Anschlusszug.

Im Abteil informiere ich meine Schwester in Burghausen und sie rät mir, ein Stück weiter zu fahren, sie hole mich dann in Marktl ab, damit ich nicht noch einmal umsteigen muss. Also packe ich erst eine Viertelstunde vor Marktl meine Sachen zusammen und stelle mich mit Laki und dem Koffer, der mir mittlerweile gehörig auf die Nerven geht, an die Tür. Die Durchsage kündigt die Ankunft in Marktl an. Mittlerweile ist es draußen völlig dunkel. Vereinzelt sehe ich Lichter, wenn ich meine Nase an die Glasscheibe drücke. Neben mir lärmt der Generator. Doch plötzlich bimmelt das Handy. „Wo bist du? In welchem Zug bist du? Der Zug ist weitergefahren und du bist nicht auf dem Bahnsteig!“ Das ist die Schwester. Ist die blöd? Aber schon kündigt der Schaffner Julbach an. Ich schreie ihr noch zu „JULBACH!“ und lege auf. Doch um es kurz zu machen, auch den Halt in Julbach bekommen Laki und ich nicht mit und erst in Simbach, der Endstation verlassen wir den Zug. Ich rufe erneut an und bekenne reumütig, in Simbach gestrandet zu sein. Sie holt uns dann dort ab. Warum wir die anderen beiden Haltestellen nicht erkannt haben, kann ich nicht sagen. Absencen? Dusseligkeit? Müdigkeit? Hunger oder Erschöpfung?

railroad tracks in city
Photo by Pixabay on Pexels.com

Doch wir sind da, und nur das zählt.

Berlin – immer eine Reise wert!

Tochter, Schwiegersohn und der eineinhalbjährige Enkel wohnen in Berlin und ich sehe sie leider viel zu selten. Daher darf Laki für drei Nächte zu ihrem Lieblingshundesitter, das Futter gebe ich in Tupperdosen vorportioniert und vorgefrostet mit. Das Wohnmobil bleibt hier, denn ich fahre mit dem Zug.

Mein Koffer ist groß und schwer, denn ich habe außer meinen eigenen paar Habseligkeiten Unmengen von Geschenken, Mitbringseln und Dingen, die der Tochter gehören und die schon zu lange bei mir rumliegen. Sie schlägt die Hände über dem Kopf zusammen angesichts meines Gepäcks, wuchtet dann jedoch behände alles in den 5. Stock. Klar, dass der Dreikäsehoch begeistert zuschaut, als wir den Koffer öffnen. Schnell entdeckt er, dass die mitgebrachten hölzernen Tiere nicht nur auf Rollen nachgezogen werden können, sondern dass sie auch Salti machen können. Den Abend verbringen wir, indem wir die Holztiere schubsen und dem quietschenden Jungen ebenfalls auf dem Teppich zum Salto zu verhelfen.

Am nächsten Morgen kündigt die Tochter an, sie wolle zum Waxing, da gebe es einen netten Laden gerade ein paar Meter weiter. Ich bin im Sabbatjahr. Im Sabbatjahr riskiere ich Dinge, die ich bisher noch nicht gemacht habe. Beim Waxing war ich noch nie, also gehe ich mit. Die junge Brasilianerin öffnet lachend die Tür und bittet uns, noch kurz zu warten. Auf dem kleinen Tischchen liegt die Liste der Behandlungen, die hier im Angebot sind und die jeweiligen Preise dazu. Allein für die Beine gibt es die unterschiedlichsten Kombinationen und für die Bikinizone auch. Auf der Liste stehen auch Angebote für Männer. Das Bartwaxing ist darunter. Allein beim Lesen bekommen wir Respekt vor dem Mut desjenigen, der dies wagt. Ich bin als erste dran und verkünde umgehend, dass dies mein erstes Mal sei. „Kein Problem,“ meint sie „ich erkläre dir alles.“ Ok, ich werde offenbar hier geduzt, aber das fühlt sich in Ordnung an. Ich solle meine Jeans ausziehen und hier warten, gegen die Kälte solle ich mich vorerst zudecken. Als sie wiederkommt und ich mich nicht zugedeckt habe, lacht sie. Die Deutschen seien eben halbe Wikinger. Sie verteilt ein wenig braune warme Masse mit dem Spatel an meinem Puls und zieht dies dann nach dem Erkalten mit einem Ruck ab. Das tut überhaupt nicht weh, ist aber kein Wunder, da habe ich ja auch keine Haare. Nun wird es ernst. Locker plaudernd geht es an meinen dichten Pelz. Aber die Frau versteht ihr Handwerk und nach kaum fünf Minuten bin ich nahezu schmerzfrei all die Haare los, über die ich mich schon seit Jahrzehnten geärgert habe. Da muss man erst so alt werden, bis man endlich die Kontrolle über seinen Haarwuchs übernimmt. Schon beim Aufstehen weiß ich, dass ich das ab jetzt regelmäßig machen werde. Während die Tochter sich enthaaren lässt, warte ich lesend und gucke, wer da außer uns sonst noch so kommt. Ich bin erstaunt, denn es sind Frauen jeden Alters und jeden Aussehens. Fast schäme ich mich, dass ich im Vorfeld vermutet habe, das wären nur bestimmte Frauen, nur solche … , welche sich einem Waxing unterzögen.

Nach dem Mittagsschlaf des Enkels fahren wir mit dem Bus nach Moabit in die Arminiusmarkthalle. Es ist mehr ein Foodmarket denn ein Markt, daher hat er auch am Samstagnachmittag geöffnet. Es gibt italienische, asiatische und auch kanadische Spezialitäten. Letzteres probieren wir. In einem aufgesägten rotweißen VW T2 werden Pommes mit Gravy – einer dicken Soße – bedeckt und drüber kommt je nach Wunsch Käse, Sauerkraut, Fleisch, oder Wurst, oder auch alles zusammen. Dazu gibt es panierte und frittierte, mit Puderzucker überstäubte und Ahornsirup begossene Käsewürfel. Die sind unglaublich köstlich. Dazu trinken wir ein Berliner Craftbeer. Sehr, sehr lecker! An diesem Abend brauchen wir kein warmes Abendessen!

Der nächste Tag ist diesig. Daher gönnen wir uns ein ausgiebiges Frühstück. Erst spät ziehen wir uns an und fahren nach Kreuzberg. Wir gucken Schaufenster und als der erste Hunger aufkommt, suchen wir uns ein Lokal. Der Schwiegersohn wünscht sich Kuchen, uns anderen ist eher nach etwas Deftigem zu Mute. Ein russisches Lokal zieht uns an und nachdem die Tochter drinnen geguckt hat, verkündet sie uns draußen Wartenden: „Wir können rein, es ist Platz, das Essen sieht lecker aus und die haben sogar ein Spielzimmer!“ Drinnen ist es warm und sehr gemütlich. Eigentlich bin ich froh, dass ich den unsäglichen Tapeten und dem altmodischen Mobiliar meiner Kindheit entflohen bin. Hier feiert es fröhliche Urstände. Trotzdem wirkt es heimelig und irgendwie passend. Leider haben sie keinen Kuchen. Aber das merken wir erst, als wir die Speisekarten vor uns haben. Doch wir Frauen kommen mit einem Vorspeisenteller und diversen gefüllten Teigtaschen voll auf unsere Kosten.

Als ich am Kanal mit dem Enkel später Schwäne gucke, gehen die beiden anderen in einen Donut-Laden und kommen mit einem kleinen Karton für vier wieder heraus. Die Menschenschlange vor dem Laden reicht bis auf die Straße, und das sei immer so, versichert man mir.

An diesem Abend zaubert der Schwiegersohn aus allem, was das Gemüsefach hergibt einen absolut delikaten orientalischen Auflauf. Und Donuts gibt es ja auch noch.

20181118_1643211715299806.jpg

Heimwärts – nach Hause.

Heute wollen wir bis Südtirol kommen. Dort plant Herr W. für eine Geburtstagsfeier den Zug nach Deutschland zu nehmen, während ich noch eine Nacht bei meiner Schwester in Schlanders bleiben möchte. Sie postet die ganze Zeit so tolle Fotos von den Wanderungen dort und ich hab Lust, einen Tag dabei zu sein. Also fahren wir zeitig los, das Auto vollgepackt mit allem, was wir mit nach Hause nehmen wollen und tanken noch einmal in Ostia. Die Straße nach Rom gefällt uns, es gibt drei Fahrspuren, die durch jeweils eine Reihe Schirmpinien getrennt werden. Herr W. ist hin und weg: solche Alleen kennzeichnen für ihn Rom.

Von Rom selbst kriegen wir wieder nur die ganz große Umgehung mit. Weiter nach Norden, durch die Toskana, die Poebene geht es. Herr W. fährt und ich gucke raus. Später hören wir die CDs „Gebrauchsanweisung für Italien“, gelesen von Ulrich Tukur, die ich mir vor der Reise noch in unserer Stadtbibliothek ausgeliehen hatte. Jetzt, am Ende der fünf Wochen, können wir vieles, was wir da hören entweder schmunzelnd abnicken oder aber auch kontrovers kommentieren.

Draußen wird es immer trüber. Wo ist er nur hin, unser sizilianischer Sommer?! Beiläufig gucke ich auf dem Handy nach der Wetterprognose und erfahre, dass Südtirol morgen mit anhaltendem und überaus ergiebigem Regen zu rechnen hat. Auch die anderen Wetterportale sprechen die gleiche Sprache. Also sage ich der Schwester ab – für einen Regentag muss ich nicht in Südtirol sein – und Herr W. und ich planen, so weit nach Norden zu fahren, wie es uns sinnvoll erscheint. Es wird dunkel und fängt an zu tröpfeln. Ich erinnere mich, dass ich vor Jahren auf einer Reise den Stellplatz in Klausen / Chiuso kennen gelernt habe und den in Ordnung fand. Wir verlassen die Autobahn und Herr W. hält vor dem Campingplatz an, zu dem der Stellplatz gehört. Ich gehe rein und werde zum ersten Mal seit Wochen wieder auf deutsch begrüßt. Nachdem alles geregelt ist, fragt die junge Dame am Tresen, wo wir her kämen und als ich „Sizilien“ sage, macht sie eine erschrecktes Gesicht und fragt, ob das nicht alles ganz furchtbar gewesen sei, mit den Unwettern. Da erst wird mir bewusst, dass offenbar ganz Italien Bilder gesehen hat von Starkregen und Stürmen in Sizilien, und dass wir, die wir tatsächlich im betreffenden Zeitraum dort gewesen sind, wie durch ein Wunder davon nichts mitbekommen haben. Was sie und ich noch nicht wissen ist, dass Italien die eigentlichen furchtbaren Katastrophen dieses Herbstes erst einige Tage nach unserem Gespräch erwarten wird.  Aber da wird unsere kleine Reisegruppe bereits wohlbehalten im trockenen Deutschland sein.

Herr W. und ich schnappen uns den Hund und gehen zum ersten Mal auf dieser Reise warm eingepackt und mit Schirm bewaffnet in den Ort. Dabei kommen wir auf einer Brücke über die Eisack, wo Laki einen Hundefreund findet und auch bald ihr Geschäft erledigen kann. Wir schauen uns die Karten der Lokale an und stellen fest, dass die Preise hier deutlich über denen liegen, die wir in den letzten Wochen gezahlt haben. Die Karte vom Hotel Post gefällt uns. Hinten im Nebenraum ist eine Familienfeier mit viel Radau, auch hier wird wieder deutsch gesprochen, aber vorne finden wir noch Platz. Laki schlüpft unter die Bank an die Heizung und wir ordern Bier, Rindersuppe, Rindfleisch mit gedämpftem Gemüse und Salsa Verde. Dazu kommt Brot auf den Tisch, Schwarzbrot, mit deutlicher Anisnote. Ich könnte mich an dem Brot satt essen! Als ich aufs Klo gehe, spreche ich den Inhaber an, weil mich interessiert, in welcher Sprache die Kinder hier unterrichtet werden. Er erklärt mir, dass es sowohl italienischsprachige als auch deutschsprachige Schulen hier gebe und dass die Eltern entscheiden, welche Schule das Kind besucht. Doch egal, wie gewählt wird, die jeweils andere Sprache wird dann von der Grundschule an als erste Fremdsprache unterrichtet. So ist dieser Landstrich tatsächlich komplett zweisprachig, und wenn man das oben in den Bergen gesprochene Ladinisch dazu nimmt, sogar in Teilen dreisprachig.

Während der Nacht setzt der Regen ein. Unermüdlich trommelt er aufs Blechdach des Autos. Daher wachen wir recht früh auf und gehen wieder in die kleine Stadt zum Frühstück. Am Abend haben wir einige Cafés gesehen und hoffen nun, da etwas zu bekommen. Doch dort gibt es nur Wein. Da heute hier Markt ist, sind die Lokale durchaus jetzt schon frequentiert von Marktbesuchern, die sich mit einem Gläschen aufwärmen. Endlich finden wir ein einfaches Café. Ich kriege ein Kännchen Tee mit Apfelstrudel und Herr W. Kaffee mit einem dick belegtem Speckbrötchen. Wir sitzen in der Ecke und sehen den anderen Besuchern zu. Alle kennen sich offenbar, viele müssen gar nicht sagen, was sie wollen, die Wirtin stellt unaufgefordert Speisen und Getränke hin. Obwohl jeder hier jeden kennt, vermutlich von Kindesbeinen an, läuft die Kommunikation eher sparsam, mit einzelnen Worten, Geräuschen, Gesten. Herr W. vermutet, dass das dem abgeschiedenen Leben im Berg geschuldet sei. Vor mir sitzt eine kräftige alte Frau, den Geldbeutel hält sie mit zwei Händen fest. Die Wirtin bringt ihr sowohl ein Glas Rotwein als auch ein Glas Weißwein und stellt beide hin. Die Alte nickt. Später kommt ein Teller mit undefinierbarer Suppe und dazu ein Brötchen. Die Frau legt den Geldbeutel in die Tasche, schließt sie und stellt sie neben sich auf die Bank. Sie nimmt den Löffel und beginnt konzentriert und langsam zu essen. Suppe, dazwischen Brötchen, ein Schluck Weißwein. Ein alter hagerer Mann mit verschmitzten Augen und blauer Handwerkerschürze kommt herein und setzt sich zum Rotwein. Die Frau nickt und isst mit der gleichen unergründlichen Hingabe weiter. Endlich ist sie fertig, wischt den Teller mit dem letzten Bissen Brötchen aus und leert das Glas. Der Mann ist auch fertig mit seinem Rotwein, er nickt und steht auf, einige Zeit später steht auch die Frau auf. Während dieser Zeit haben die beiden Menschen keine zehn Wörter gesprochen. Auch wenn es sicher mehr als unhöflich war – ich konnte gar nicht aufhören, sie zu beobachten.


Als auch wir rausgehen sehe ich das Schild, das verkündet, dass es heute Saure Suppe gebe. (Wenn ich das gewusst hätte, die hätte ich sicher auch probiert. Ich bin in diesen Dingen sehr neugierig.) Es ist ein typisch Südtiroler Rezept:

  • 400 g weichgekochter Rinder- oder Schweinemagen (Kutteln)
  • 
2 Zwiebeln
  • 3 EL Öl
  • 2 EL Mehl
  • 1 1/2 l Wasser / Fleischsuppe
  • Piment (Neugewürz), Salz, Pfeffer
  • 2 Knoblauchzehen
  • etwas Schale von 1 Zitrone
  • 1 Lorbeerblatt
  • 
etwas Essig

Die Kutteln in feine Streifen schneiden und mit den feingehackten Zwiebeln in Öl anrösten. Mit Mehl bestäuben, weiterrösten und dann mit Fleischsuppe oder Wasser aufgießen. Die Gewürze dazugeben und langsam eine halbe Stunde kochen lassen. Zum Schluss mit Essig abschmecken.


Wir kommen am Markt vorbei, der mittlerweile aufgebaut ist. Herr W. kauft sich bei dieser Gelegenheit dort seine diesjährigen Filzpantoffeln. Sie sehen gut aus, schwarz mit dicker weißer Sohle. Ein bisschen grinsen muss ich, weil der alte Verkäufer sie unentwegt „Schlüpfer“ nennt.

Vor dem Auto reißt plötzlich für einen Moment der Himmel auf und ich sehe hoch droben das Kloster Säben.

20181027_095417647742665.jpg

Am Brenner kommt zum Regen Schneegraupel dazu. Ich mache mir Sorgen, weil wir ja keine Winterreifen haben, aber nach einigen Kilometern hört der auch wieder auf. Der Regen dagegen begleitet uns bis an die österreichisch-deutsche Grenze. Die überqueren wir dann gleich dreimal hintereinander, weil wir erst in Deutschland merken, dass das Diesel in Österreich viel billiger ist und sich die paar Kilometer Umweg wirklich lohnen.

Erst in Deutschland wird es trocken. Wir ahnen, dass es hier schon seit vielen, vielen Wochen nicht ergiebig geregnet hat. Unterwegs setze ich Herrn W. ab und fahre mit Laki nach Hause. Ich schaffe es sogar noch, in einem Rewe-Markt ein bisschen zu Essen fürs Wochenende zu kaufen. Als ich schließlich die Wohnungstür aufschließe, ist es draußen dunkel und drinnen gemütlich warm.

 

Auf dem Campingplatz von Lido di Ostia

Wir fahren in die Nacht. Jetzt sind wir definitiv auf dem Heimweg. Da ich mich immer noch nicht vom Meer verabschieden möchte, haben wir entschieden, auf der Höhe von Rom noch zwei Nächte an der Küste zu verbringen. Ostia hat zwei Campingplätze, die noch offen sind, den mit Strandzugang wählen wir. Spät am Abend kommen wir an und freuen uns schon auf das Abendessen. Die App auf dem Handy verkündet nämlich, dass das Restaurant des Platzes noch offen hat. Wie das auch sein mag, wir sind hungrig und nehmen, was da ist.

Doch der Platz ist dunkel, die Rezeption hat geschlossen, im Restaurant sitzt ein Pärchen bei Tee und ein alter Mann vor seinen vielen Plastiktüten. Die Essensausgabe ist geschlossen, niemand nimmt Kenntnis von uns. Unschlüssig laufen wir ein wenig durch den Raum, rufen leise, nichts ändert sich. Ich gehe auf eigene Faust in den Nebenraum, dort sitzt eine Mitarbeiterin des Campingplatzes vor dem Computer. „Gerne können sie zwei Tage bei uns bleiben, suchen sie sich irgendwo einen Platz. – Das Restaurant? Das haben wir letzte Woche geschlossen. – Essen? Hier in der Nähe? Ich telefoniere mal …!“ Die Dame hängt sich ans Telefon und nach zwei Telefonaten haben wir einen Platz reserviert in einem Fischrestaurant in einem knappen Kilometer Entfernung.

Es bleibt uns nichts anderes übrig, wir gehen parallel zum Strand entlang einer vollkommen leeren vierspurigen Straße in der Dunkelheit nach Norden. Die Straßenlaternen erhellen die surreale Szenerie, eine Prostituierte sitzt auf ihrem mitgebrachten Holzstuhl. Als ein einzelnes Auto vorüber fährt, springt sie auf und tanzt mit hektischen Bewegungen auf die Straße. Das Auto fährt weiter und sie setzt sich wieder hin. Wir haben hier etliche Frauen dieses Gewerbes gesehen, teilweise stehen auch nur einzelne leere Holzstühle auf dem Gehweg, dann ist die Frau weg und wird wohl nachher wieder kommen. Eine hat ihre sämtlichen Habseligkeiten dabei in einer rosafarbenen Büchertasche mit Schmetterlingen und Einhörnern drauf. Auf einem Parkplatz stehen einzelne ziemlich heruntergekommene Wohnmobile, die der feste Arbeitsplatz der etwas besser gestellten Prostituierten sein dürften.

Endlich kommen wir im Fischlokal an, es ist riesig und außer zwei Frauen am Fenster sind wir die einzigen Gäste. Die Reservierung hieß nicht „Haltet den Leuten einen Platz frei!“, sondern vielmehr „Macht noch nicht zu, da kommen noch welche!“, das wird uns jetzt klar. Aber das Essen ist köstlich, ich habe mit das leckerste Meeresfrüchterisotto meines Lebens. Ein Bier für jeden von uns, ein Dessert für Herrn W. und die Garnelenkarkassen für Laki – so sind wir alle zufrieden.

Auf dem Heimweg zu unserem Campingplatz laufen unvermittelt an der einsamen Straße vor uns dutzende von kichernden, leicht angeheiterten pubertierenden Mädchen. Wie wir später feststellen, sind sie tschechische Schülerinnen, die mit ihrem Bus, einigen Lehrerinnen und zwei Busfahrern hier auf den Campingplatz gekommen sind, wohl um Rom zu besichtigen. Die Mädchen schlafen in Holzhütten auf dem Campingplatz, die Busfahrer sitzen die gesamte Zeit im Reisebus. Vermutlich schlafen sie auch darin.

Wie alle Campingplätze ist auch dieser eine Welt für sich. Wenn die Plätze leer sind und man selbst schon eine Weile unterwegs ist, ist es viel leichter möglich, einzelne Gäste ausgiebig zu beobachten und sich zu überlegen, was das wohl für welche sind. Hier gibt es viele „Gestrandete“. Im Waschhaus lädt eine Frau ihr Handy und sie treibt sich ständig dort herum. Sie hat wohl keine andere Möglichkeit dazu und fürchtet, dass ich ihr das Handy klauen könnte. Ein Mann kommt spätabends mit dem Fahrrad, auf dem er alles transportiert, was er hat. Er baut das kleine Zelt auf und kauert schon früh am Morgen an seinem kleinen Kocher. Seine Kleider hat er alle an, es ist kühl und feucht. Wir sehen nicht, was er den Tag über macht, aber er ist am Abend immer noch da. Auch der Mann mit seinen vielen Plastiktüten, der am ersten Abend im geschlossenen Lokal saß, scheint in diese Kategorie zu gehören. Ein eindeutig russisches Ehepaar mit teurem Auto und winzigem Hund schläft im Auto auf der Rückbank. Die Frau hat immer nur ihren Bikini an und der Mann einen seidenen Morgenmantel. Sie kocht mit Campinggeschirr im Stoffpavillion, er läuft mit einem kaputten gefüllten Sektglas herum. Mittags kommt er zu Herrn W. und fragt in passablem Englisch, ob es uns etwas ausmachen würde, wenn wir am Abend auf das Auto ein wenig aufpassen würden. Als ich neugierig nachfrage, erzählt er bereitwillig die Geschichte: Seine Frau und er waren mit dem Hund am Strand. Als sie zurückkamen, war das hintere Fenster des Combis eingeschlagen und Diebe hätten alle Kleider der Frau, einen Teil der Papiere, darunter den Impfausweis für den Hund ohne den sie in Russland nicht wieder einreisen können, alles Geld, den Schmuck der Frau und einige Karten gestohlen. Daher seien sie auf diesen Platz gekommen, um in einer der Holzhütten zu wohnen, bis an der Botschaft die wichtigsten Dinge wieder beschafft und das Ersatzfenster eingebaut sein würde. Aufgrund von einer schlimmen Allergie der Frau gegen Ungezieferbekämpfungsmittel mussten sie aus der Hütte wieder ausziehen und wohnten seither im Combi. Ob die Geschichte bis aufs Letzte wahr ist, wissen wir nicht. Jedoch ist sie gut und tatsächlich ist das Fenster kaputt.

Laki ist weg. Ich rufe. Herr W. ruft. Wir beide schreien uns immer hektischer fast die Seele aus dem Leib. Das ist für Laki sehr ungewöhnlich, denn sie folgt im Allgemeinen sehr gut. Wo kann sie denn auf dem Campingplatz hin gelaufen sein? Endlich kommt sie zögernd und mit sichtlich schlechtem Gewissen unter eine der Holzhütten hervor. Da muss etwas Fressbares im Spiel gewesen sein. Ich laufe sogleich zur Rezeption und frage, ob hier Rattengift oder dergleichen ausgelegt worden sei. Glücklicherweise verneint der Herr dort, meint aber, die Katzen würden mit Trockenfutter versorgt. Die Sache geht gut für uns aus, Lakis Hinterlassenschaften am nächsten Tag sprengen jeden Hundekackbeutel, dann kommt der Durchfall, aber am Ende geht es ihr nach einem Fasttag wieder besser.

Nach Einbruch der Dunkelheit ertönen die Trommeln. Erst halte ich es für eine Sinnestäuschung, aber dann kann ich es nicht mehr ignorieren. Es klingt nicht, als käme das von einem Autoradio von der Straße, es ist irgendwie näher. Ich gehe den Tönen nach und stelle mit Erstaunen fest, dass zwei Frauen und sechs Männer im leer geräumten Restaurant im Kreis stehen, jeder eine riesige Trommel vor den Bauch geschnallt und gemeinsam trommeln. Einer scheint der Lehrer zu sein, die anderen machen mit. Dabei treten sie mit beiden Beinen abwechselnd den Grundrhythmus und improvisieren. Es ist laut, chaotisch und gleichzeitig von präziser Ordnung. Ich stehe draußen in der Dunkelheit und ertappe mich dabei, wie ich ebenfalls anfange, im Grundschlag von einem Fuß auf den anderen zu treten. Ich hole Herrn W. dazu, wir schauen gemeinsam. Kurze Zeit später ist es wieder vorbei.

Am letzten Abend gehe ich noch einmal mit Laki an den Strand, ich will mich vom Meer verabschieden. Er ist weitgehend leer und zeigt jetzt im Herbst im Schein der untergehenden Sonne einen morbiden Charme. Laki findet mehrere riesige Fischkarkassen, wir diskutieren eine Weile und ich setze mich damit durch, dass Fisch vom Strand heute nicht gefressen wird. Wir hocken uns in den grauen Sand und gucken. Zurück laufe ich barfuß im Saum der Wellen, völlig eins mit mir und der Welt.

 

 

 

Aus der Asche gehoben

Pompeji ist laut Reiseführer eine Stadt, die sich in den letzten Jahren durchaus zum Positiven gewandelt hat. Wir allerdings kriegen davon nichts mit. Um zu den Ausgrabungen zu kommen, müssen wir die Vororte durchqueren und die sind abgrundtief hässlich. Das Navigationssystem weiß selber nicht so recht, wie es uns leiten soll und so kommen wir ganz schön rum. Das hat den Vorteil, dass wir an einer sensationell günstigen Tankstelle vorbei fahren, was ja in diesen Zeiten nicht allzu oft passiert. Aus Schaden klug geworden verkünden wir dem herbeieilenden Tankwart gleich, dass wir auf jeden Fall keinen Service wünschen. Service an Tankstellen ist in Italien durchaus noch üblich und es ist teuer, bis zu 20 Cent Mehrpreis pro Liter kommen vor. Der Tankwart nickt das ab, will aber das Geld für den Diesel in Bar. Mit unseren 100 Euro geht er in seinen Laden und als er wiederkommt, können wir die Zapfpistole nutzen, allerdings stoppt der Tankvorgang bei exakt 100 Euro. Was der Mann mit dem Bargeld macht, bleibt sein Geheimnis. Ich vermute mal, dass er das Geld einsteckt und die Differenz unter „ausgelaufenes Benzin“ verbucht – oder so ähnlich.

Vorbei an einer überfluteten Kreuzung, weil irgendein Wasserrohr geplatzt ist sind wir mit Lady Googles Hilfe unversehens am Hauptparkplatz zu den Ausgrabungen. Der Parkplatzwart winkt uns herein, hält uns ein Schild hin, das uns auf deutsch über den Parkpreis aufklärt und weist uns ein. Es ist teuer, richtig, richtig teuer. Allerdings steht das Wohnmobil ziemlich gut und vor allem stundenlang schattig, was für uns wichtig ist, denn wir wollen Laki drin lassen.

An der Kasse zu den Ausgrabungen frage ich, ob es möglich sei, dass ich zwischendrin kurz mal raus komme, um nach dem Hund zu gucken. Die Antwort ist eindeutig: Nein, das ist nicht möglich, die Elektronik der Schranken lässt das nicht zu.

Schweren Herzens löse ich zusammen mit Herrn W. das Ticket. Während er Laki das Alleinbleiben im beschatteten und belüfteten Auto zutraut uns sich keine Sorgen macht, bin ich mal wieder das überbehütende Helikopterfrauchen meines Hundes.

Das Stadtgebiet des antiken Pompeji ist riesig, es ist eine richtige Stadt. Ich konnte mir das vorher gar nicht recht vorstellen. Aber der ausgegrabene Teil, welcher der größere ist, ist so groß, dass es Stunden dauert, bis man überall gewesen ist. Es gibt dort alles, was es heute auch in einer Stadt gibt: Straßen, Plätze, Gasthäuser, Sportplätze und Schulen, Bäder, Gärten und agrarische Nutzflächen, Villengebiete und Slums, Geschäfte und Handwerksbetriebe, ein Wasserwerk, zwielichtige Ecken und Vorzeigegegenden. Es ist höchst erstaunlich, was die Archäologen in Kleinstarbeit alles herausgefunden haben.

Mich beeindrucken die Straßen, die genau eine Wagenbreite haben und wo man die Rinnen der Räder noch sieht. Diese Straßen sind tiefer gelegt, damit Wasser abfließen kann. Fußgängerübergänge sind hohe Trittsteine, so dass Wagen fahren, die Leute aber trockenen Fußes auf die andere Straßenseite kommen können.

Vor allem in den ehemaligen Villen sind einige Wandmalereien erhalten, auch Mosaiken und Statuetten. Bieder-naive Motive, detailliert naturalistische Darstellungen und fast Pornografisches sind gleichermaßen vertreten.

Mich beeindrucken die unzähligen Garküchen. Diese bestehen aus offenen gefliesten Theken zur Straße hin, wo große Tongefäße eingelassen sind, die wohl Suppen oder Soßen enthielten. Viele Häuser dort hatten keine eigenen Küchen, daher haben sich die Menschen überwiegend an der Straße ernährt, antikes Fast-Food sozusagen. Die italienische Küche dieser Zeit dürfte sich von der heutigen merklich unterschieden haben: Weder Tomaten noch Kartoffeln noch Reis oder Mais gab es, stattdessen Kichererbsen, Brot in verschiedenen Qualitäten, Getreidebrei, Datteln und Kapern und Oliven, verschiedene Kohlsorten und Granatäpfel, … Pizza, Gnocchi und Polenta kannte man nicht, dennoch schien das Essen sehr abwechslungsreich gewesen zu sein. Wein pflanzte man am Stadtrand an, im Ausgrabungsgelände gibt es dem antiken Vorbild nachgebaute Weinlagen. Gleichzeitig gab es für die reichen Leute schon Glas, für die Zubereitung der Speisen hatte man sehr spezielle und teils auch sehr liebevoll gestaltete Utensilien.

Erst im Laufe der Ausgrabungen entdeckte man vor Jahren, dass eine bestimmte Bodenstruktur darauf schließen ließ, dass darunter Menschen den Tod gefunden hatten. Ein damaliger Ausgrabungsleiter entwickelte ein Verfahren, bei dem man im Boden eine Öffnung suchte und dort Gips hineingoss. Man erhielt berührende Abgüsse der ehemaligen Menschen oder auch der Tiere im Moment ihres Todes. Sie werden in Vitrinen ausgestellt. Ihrer Wirkung kann man sich kaum entziehen.

Viel Raum nahmen im alten Pompeji Kult und Religion ein. Jede Villa hatte einen oder mehrere Hausaltäre, es gab Tempel und Kultstätten. Der öffentliche Raum für Diskussion und Rechtsprechung war riesig und ich kann mir kaum vorstellen, wie es war, wenn man sich dort zu Hunderten oder gar Tausenden traf.

Ich finde es sehr spannend, dass durch den Ausbruch des Vesuv eine ganze Stadt an einem Tag im Jahr 79 nach Christus quasi versiegelt ist. Man erhält ein Zeitfenster und je genauer die Forscher arbeiten, um so zuverlässiger ist das Bild, das entsteht. Meine Neugierde ist dadurch jedoch kaum befriedigt, im Gegenteil, ich würde zu gern noch sehr viel genauer wissen, wie man damals lebte als Bürger, als Priester, als Frau, als Sklave, als Kind, als Bäcker, als …, als …

Wir kommen zurück zum Auto. Mit bangem Herzen schließen wir auf. Laki freut sich uns zu sehen, läuft einmal ums Auto herum und hüpft wieder hinein in der Hoffnung, dass nun Zeit ist fürs Hundeabendessen. Wir tun ihr den Gefallen, legen die Route fest und fahren Richtung Rom.