Nordkapp

 

Ich sitze im Moment in der Cafeteria des Schiffes, das Mittagessen ist vorbei, es kehrt Ruhe ein. Durch die Schwingtür zur Küche klingen Besteckgeklapper und ABBAs „The winner takes it all“. Draußen ist es nahezu dunkel, Schneeflocken flitzen nahe am Fenster vorbei. Eine Durchsage kündigt erst auf norwegisch, dann auf englisch und zuletzt auf deutsch an, dass man auf Deck acht ganz oben jetzt gleich von den fähigsten Seeleuten des Schiffes gezeigt bekommt, wie man echte Seemannsknoten macht. Das Smartphone jedoch vermeldet, dass es jetzt um 14.00 Uhr im Rypefjord – 5° Celsius hat. Da zieht mich nichts nach draußen. Besser hier sitzen, Tee trinken und den Blog voranbringen. …

Für diesen 6. Tag unserer Reise haben Herr W. und ich uns auf den letzten Drücker entschlossen, an einer geführten Busreise vom Schiff zum Nordkapp und zurück teilzunehmen. Das ist nicht ganz billig, aber erstens wären wir anders dort nicht hingekommen, zweitens hat es sich definitiv gelohnt. Das Nordkapp befindet sich auf der Insel Magerøya. Das Schiff legt in Honningsvåg an, was im Südosten der Insel liegt. Wir steigen kurz nach 11 Uhr aus, der Himmel ist am Horizont wundervoll violett gefärbt, über der gesamten Szenerie liegt blaues Licht. Außer einem kurzen Goldreflex zur Mittagsstunde wird sich daran nichts ändern. Der Himmel ist zu dieser Jahreszeit in diesen Breiten am späten Vormittag violett, Mittags kommt ein Schimmer goldorange hinzu, danach überwiegen wieder die rosa-violetten Töne, die zunehmend in Bläue übergehen, bis am frühen Nachmittag die Nacht kommt. Zur Wintersonnwende fehlt dann der orangene Anteil. Es ist nicht vollständig dunkel, aber die Sonne als Himmelskörper ist schlicht nicht da. Ich vermisse die Sonne jetzt nach ein paar Tagen schon schrecklich. Wie mag es den Menschen hier erst gehen? Nach zwei Monaten?

Am Hafengelände steht die erzene überlebensgroße Skulptur des Bernhardiners BAMSE, der in Kriegszeiten auf einem norwegischen Minensuchboot mitfuhr und dort als offizielles Besatzungsmitglied geführt wurde. Es hat dort nach Berichten der Seeleute die Moral an Bord entschieden gehoben, das Leben einzelner Mitglieder der Schiffsbesatzung gerettet und Streit geschlichtet. Er wurde nach seinem Tod in allen militärischen Ehren begraben, ihm zu Ehren findet alle zehn Jahre eine Gedenkfeier statt.

Wir steigen in den Bus und sogleich beginnt unser Reiseführer, uns in deutscher Sprache auf höchst unterhaltsame Weise zu berichten, was wir sehen können und wie die Dinge sich hier verhalten. Der Mann ist älter als wir, wettergegerbt und seinem Akkzent nach zweisprachig, norddeutsch und norwegisch. Die Fahrt dauert fast eine Dreiviertelstunde. Beim Hinaussehen entdecken wir einzelne Häuser, viel hügelige weiße Landschaft, Seen und Buchten. Dass es keine Bäume gibt liegt zum Einen an der nördlichen Lage, aber auch am Untergrund, der nach wenigen Zentimetern bereits felsig ist sowie an den Rentieren, die im Sommer hier grasen. Es gibt nämlich fünf samische Familien, die mit ihren Tieren winters weiter Richtung Russland ziehen, weil die Tiere dort leichter Futter finden. Hier am Nordkapp ist es nicht kalt genug und so kommt es immer wieder vor, dass der Schnee antaut und danach wieder zu Eis gefriert. Dieses Eis schließt die Pflanzen ein und macht sie den Rentieren nicht mehr zugänglich. Beim russischen Frost dagegen finden die Tiere immer etwas, wenn sie mit den Hufen im Schnee scharren. Im Frühling kommen die Samen wieder mit ihren 5000 bis 6000 Tieren, die dann allerdings so schwach sind, dass sie mit Booten auf die Insel gebracht werden müssen. Hier bekommen die Rentiere ihre Jungen, fressen sich gehörig Speck an und sind am Ende so stark, dass sie im Herbst ans Festland schwimmen können. Diese Rentiere sorgen durch ihren großen Hunger zuverlässig dafür, dass sich kein Baum und kein Strauch hier halten kann.

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So sieht es an der Nordkapphalle kurz nach 12 Uhr mittags aus.

Wir steigen aus dem Bus und nach den obligatorischen Fotos kommen wir alle erleichtert in die Halle. Hier gibt es ein Restaurant, Toiletten, einen riesigen Souvenirshop, in den Untergeschossen einen Vorführraum, ein thailändisches Museum (der König Thailands war hier und wollte sich auch beteiligen – jeder, wie er will) und einen Meditationsraum. Oben zeigt eine riesige Fensterfront nach Norden zum berühmten Globus aus Eisenbändern. Drinnen gibt es zwei riesige Trolle und einen Flügel, auf dem jeder spielen kann, der will. Ich widerstehe und erspare der Welt meine Version von „Ein Huhn, ein Huhn, das hat nicht viel zu tun, es legt nur jeden Tag ein Ei, und sonntags auch mal zwei! … „. Offenbar hat die Firma Parkert den Flügel gestiftet und es finden hier wohl auch gelegentlich Konzerte statt.

Wir packen uns ein, so gut es geht und wagen uns hinaus in die unwirtliche, windgepeitschte Dämmerung. Eine englischsprachige Dame spricht Herrn W. an, dass sie sich ein wenig unsicher fühle und er geleitet sie gentlemanlike nach vorne zum Globus. Ich komme hinterher und fotografiere.

Der Globus steht auf einem hohen Felsen, der sich steil und markant aus dem Meer erhebt und damit Ewigkeit und Unverrückbarkeit signalisiert. Der eigentlich nördlichste Punkt Europas ist jedoch eine unscheinbare Landzunge, die weiter westlich sich ins Meer schiebt. Aber die ist eben nicht so spektakulär.

Nach einem kurzen Besuch in der riesigen Cafeteria wird es Zeit, wieder in den Bus zu steigen, der uns zurück zum Hafen bringt. Beim Aussteigen spricht mich der Busfahrer, der vorher kein einziges Wort gesagt hat, halblaut auf deutsch an: „Kommen Sie wieder, im Sommer!“. – „Ja,“ sage ich erstaunt. Dann noch einmal „Ja.“

Tromsø

Von den Lofoten kriegen wir wenig mit, weil wir sie in der Nacht durchfahren. Leider, denn sie sind höchstwahrscheinlich der spannendste Teil der Reise. Es gibt hier außer Svolvær noch fünf weitere Häfen. Am frühen Nachmittag erreichen wir Tromsø. Wir haben hier über vier Stunden Zeit. Die Hurtigruten bieten für den Aufenthalt eine ganze Reihe von geführten und begleiteten Touren an, doch wir haben im Vorfeld keine davon gebucht. Falls man tatsächlich unterwegs eine Tour buchen möchte, ist das auf dem Schiff noch sehr leicht möglich. Wir jedoch wollten uns erstmal ein Bild machen und stellen fest, dass wir die Aufenthalte auch ohne Tour überaus spannend finden, zumal wir körperlich fitt und gut zu Fuß sind.

Schon von Deck acht aus sehen wir die Stadt, die große Brücke, die die beiden Stadtteile überspannt und auf der dem Zentrum gegenüberliegenden Seite die berühmte Eismeerkathedrale. Die eigentliche Stadt liegt auf einer Insel, auf Tromsøya. Jetzt, um 14.00 Uhr, steht der Mond hoch am Himmel und die Dämmerung senkt sich bereits über das Land.

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Spikes unter die Füße und los gehts. Die Stadt ist groß und modern, es gibt vielfältige Einkaufsmöglichkeiten und wir gucken vor allem bei den Souvernirläden Schaufenster. Schöne Sachen gibt es da, nicht ganz billig, aber auch viel Klimbim. Die hübsche gelbe Domskirke ist leider geschlossen. Herr W. schafft es wieder, uns zur Bibliothek zu lotsen. Sie ist, wie es sich für eine Universitätsstadt gehört, riesig, gemütlich und modern. Die äußere Form ist ein Zwischending zwischen vierblättrigem Kleeblatt und gläsernem Pilzfuß. Innen dominieren Holz und Stahl. Gleich im Eingangsbereich stecken entlang einer langen Theke sämtliche wichtige Zeitungen des Landes und der Region und die vielen Leser sitzen auf Barhockern und informieren sich. Da die Universität hier außer Fischereiwesen und Aquaforschung auch samische Fächer anbietet, ist die Bibliothek in großen Bereichen mindestens zweisprachig, was aber schwer untertrieben ist, da allein das Norwegische mehrere Schriftsprachen hat und das Samische mehrere Hauptdialekte, die sich teils grundsätzlich voneinander unterscheiden. Das Schild am Eingang lässt den Fremden nur staunen:

Mittlerweile ist es völlig dunkel. Zur Eismeerkathedrale gäbe es einen Bus, der auch noch ziemlich häufig fährt, aber man kann natürlich auch über die Brücke gehen. Nach einem Stück unten am Wasser entlang kommen wir auf die Brücke. Der Gehweg ist voll zusammengetretenen Schnees, auf einer abgetrennten Spur überholen uns die Autos, ebenfalls im Schnee. Es ist dunkel, es zieht. Meine Handschuhe erfüllen ihren Zweck nicht mehr, zumal ich sie ständig ausziehe, um zu fotografieren. Die Luft ist schneidend kalt und wieder von dieser unwirklichen Klarheit, die mich auch jetzt nach einigen Tagen noch fassungslos macht.

Kaum verlassen wir die Brücke auf der anderen Seite, ist die Kälte nicht mehr ganz so beißend. Wir stehen am Fuß des kleinen Hügels, auf dem die Eismeerkathedrale steht. Wie viele andere neuen Gebäude in Norwegen sind die Baumaterialien vor allem Beton, Holz und Glas. Das berühmte Fenster, das wohl zweitgrößte Glasmosaik Europas, sieht man erst auf der Rückseite von außen. Wir zahlen umgerechnet 5 Euro Eintritt, weil wir die Kirche sehen wollen, wohl aber auch, weil wir uns unbedingt aufwärmen wollen (vor allem ich!!!). Leider sind drinnen gerade Handwerker zu Gange, sie mühen sich, eine riesige Leinwand vor dem Altarraum aufzustellen. Da sie zu zweit nicht weiterkommen, springen zuerst Herr W. und dann ich herbei und ziehen mit. Die Arbeiter berichten, dass die Leinwand für eine Filmvorführung am heutigen Abend bestimmt ist, da in Tromsø an diesen Tagen ein großes Filmfestival stattfindet und hier der preisgekrönte Film laufen soll. Als ich wieder warm genug bin, gehen wir auf die Rückseite der Kirche, um endlich das berühmte Mosaik anzusehen, das die Wiederkehr Jesu darstellen soll.

Zu Fuß zurück oder mit dem Bus? Tsching-Tschang-Tschoing geht auch noch in unserem Alter und so laufen wir (ich weiß nicht mehr, wer von uns beiden den Fußweg favorisiert und nun gewonnen hat). Leider gibt es auf der Brücke eine Fahrradspur, die auch bei mehreren Zentimetern Schnee noch gut frequentiert ist. Auf der laufen wir nun. Das heißt hintereinander bleiben und gut aufpassen!

Drüben haben wir noch ein wenig Zeit, wir gehen in das ein oder andere Geschäft. Plötzlich ertönt Musik und als wir auf den Platz gehen wo sie her kommt, finden wir uns unversehens in einem Freiluftkino wieder. Bei Dunkelheit macht das Sinn, das ist auch bei uns in Deutschland so. Aber bei diesen Temperaturen? Auf einer Betontribüne gibt es unzählige Sitzkissen aus Tigerprintplüsch, gefüllt mit Styroporkügelchen. Darin sitzen Leute, die sich den kostenlos präsentierten Film ansehen. Daneben stehen zwei junge Leute in gelben Sicherheitswesten, die das Ganze im Auge behalten. Ein Energieversorger hat ein geheiztes aufblasbares durchsichtiges Iglu dazugestellt, darin unzählige Topfpflanzen, wo man von drinnen den Film verfolgen kann. Erst bin ich unschlüssig, aber dann gehen wir hineien und gucken Film.

Als es Zeit wird, an Bord zu gehen, machen wir uns auf und sind rechtzeitig zum Abendessen wieder im Speisesaal. Allmählich vermute ich, dass sie hier so leckeres Essen servieren, damit alle rechtzeitig wieder da sind!

 

Bodø und DAS Licht

Nach Trondheim kommen fünf Haltestellen, wo sich das Schiff aber nur jeweils wenige Minuten aufhält, einige davon verschlafen wir. Frühstück und Mittagsbüffet und als Höhepunkt das Abendessen markieren die Fixpunkte im Tagesablauf auf der Spitsbergen, und da es morgens schon recht lang dunkel ist, verdaddeln wir die Zeit dazwischen ein wenig. An Schiff ist eine Sauna mit zwei Jacuzzis auf dem Deck, was Herrn W. sehr freut. Außerdem finden immer wieder im Laufe des Tages kleine Vorträge über Themen da, die Reisende auf dieser Route beschäftigen könnten. Ich habe beispielsweise einen Vortrag über die Samen gehört, einen über Jagd und Fallensteller und einen über die Wikinger. Das Schiff wirbt mit einem Forschungs- und Bildungsauftrag, dem es unter Anderem auf diese Weise Genüge tut. Wie wir mittlerweile wissen, ist die MS Spitsbergen nicht ganzjährig auf dieser Route unterwegs, sondern wird auch auf Excoursionen eingesetzt.

Mittags um 12.30 legen wir in Bodø an, die Abfahrt ist für 15.00 geplant. Es ist noch hell, die Sonne strahlt sogar auf die Berge. Wir ziehen uns warm an und ziehen los. In den Ort sind es nur ein paar Minuten. Schnee liegt, die Straßen sind breit, es wird viel gebaut. Überall stehen Kranen, Lieferwagen. Schlechtwetter scheint die Baubranche hier bei anhaltenden Minus 5° Celsius nicht in Erwägung zu ziehen. Es gibt ein Einkaufszentrum, viele mehrstöckige Häuser. Wie wir erst später erfahren, haben die Deutschen Bodø im zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört, so dass wir hier eine komplett neue Stadt besichtigen. Herr W. weiß um meine Vorliebe für Büchereien und so guckt er auf jedem Stadtplan gleich mal, wie die hier so aussieht. Die Bibliothek von Bodø ist großartig: nagelneu, ausgestattet mit allem, hell, freundlich. Wegen der vollständigen Stirnholzparkettierung trauen wir uns nicht weiter hinein, denn unsere Spikes würden das Parkett sicher in Mitleidenschaft ziehen. Es wird gleich am Eingang darauf hingewiesen, dass sich in dieser Bibliothek große Bestände in samischer Literatur befinden. Hier finden wir auch einen Handzettel, dass die Stadt sich beworben hat zur Kulturhauptstadt 2024. Wir drücken ihr ganz fest die Daumen.

Bergan stoßen wir auf die Domkirche, ebenfalls völlig neu. Eigentlich hatten wir gehofft, hier in Norwegen auch Stabkirchen zu sehen, aber die wurden leider mehrheitlich abgerissen, es gibt im ganzen Land gerade mal noch zwei Dutzend, und die liegen nicht an unserer Strecke. Die Domkirche ist ebenfalls sehr neu, hat eine markante Gestaltung der Decke und als Kreuzwegbilder Teppiche an den Wänden.

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Als das Schiff um 15.00 wieder ablegt weiter nach Norden, hat sich bereits die Dämmerung über die Stadt gesenkt.

Immer wenn, wie jetzt, die MS Spitsbergen weiter ins offene Meer hinaus muss, wird die Fahrt unruhig. Was wir zunächst als Vorteil sahen, nämlich dass das Schiff klein ist, erweist sich nun als Nachteil. Es liegt weitaus weniger stabil im Wasser als ein riesiges Kreuzfahrtschiff. Aber wir nehmen Kurs auf die Lofoten, und die liegen weiter westwärts. Gebannt verfolgen wir auf den Bildschirmen, wie das Schiff sich in Fjorde hinein und zwischen Inseln hindurch schiebt, wo wir zunächst gar kein Durchkommen sahen. Leider ist es draußen dunkel. Bei Tageslicht muss diese Fahrtstrecke atemberaubend sein.

Um 21.00 legen wir für eine Stunde in Svolvær an. Schon bei der Einfahrt in den Hafen sehen wir hell erleuchtet in der Nacht die riesigen leeren Gestelle für den Stockfisch. Er wird hier gefangen und getrocknet und später unter dem Namen bacalao oder stoccafisso in die ganze Welt, vor allem nach Portugal oder Italien exportiert. Wir gehen an Deck und da macht uns ein Mitreisender auf die Möglichkeit hellgrüner Polarlichter hinter dem Berg aufmerksam. Da! Mit ein bisschen Phantasie ahnt man sie mehr als man sie sieht. Aber da ist etwas, tatsächlich. Das Polarlicht, Aurora Borealis, entsteht zwischen der Erdmagnetosphäre und der Atmosphäre, hoch oben. Und sichtbar sind diese Lichter nur im Winter hier hoch oben im Norden oder, entprechend, auf der Südhalbkugel.

Ich ziehe mich nun noch wärmer an, nehme mein Handy und gehe vom Schiff. Der kleine Ort liegt in der Nacht ruhig am Hafenbecken. Trotz der Kälte habe ich einen deutlichen Fischgeruch in der Nase. Es ist nahezu menschenleer. Die Luft ist von einer Klarheit, wie ich sie niemals zuvor sah. Es ist unwirklich, das Sehen strengt an, die Augen sind so klare Bilder nicht gewohnt. Ich entdecke wieder die hellgrünen Schleier, die feengleich hinter dem Berg erscheinen und gleich wieder vergehen, als hätten sie Angst, dass sie Schaden nehmen könnten, wenn sie sich zu deutlich manifestieren. Das komplett schwarze Bild meines Versuchs, den Zauber auf dem Handy einzufangen, habe ich umgehend gelöscht.

Ich wandle wie ein Hans-guck-in-die-Luft durch die schneebedeckten Straßen, immer auf der Hut, dass ich nicht ins Hafenbecken plumpse. Ich sehe die Lichter an vielen Stellen, mache mir aber nicht mehr die Mühe, sie festhalten zu wollen. Völlig verzaubert komme ich wieder auf das Schiff.

Als ich tags drauf an diesem Blog schreibe, sehe ich am Nebentisch zwei schweizer Damen, die auf ihren Handys Bilder austauschen und besprechen. Nach dem vergangenen Abend bin ich sofort wie elektrisiert, wenn ich grüne Schleier auf dunklem Hintergrund sehe. Ich spreche die Damen an und sie berichten mir bereitwillig, dass sie diese Reise nun schon zum wiederholten Male machen, winters und sommers. Doch das Polarlicht habe sie nicht losgelassen. Daher hätte eine der beiden dieses Mal für den Fotoapparat ein besonders lichtstarkes Objektiv für die Nacht gekauft und damit am Vorabend diese Bilder machen können. Stolz schwingt in ihrer Stimme mit und ich muss es ihr neidlos lassen, die Bilder sind phantastisch geworden. Ich nehme all meinen Mut zusammen und frage, ob sie mir ein Bild aufs Handy schicken möge und ob ich es dann auch im Blog veröffentlichen dürfe. Sie stimmt beidem zu und nun kann ich diesen Text mit wirklich sensationellen Bildern aufwerten. Und diese Bilder fangen sehr gut das ein, was ich dort gesehen habe:

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Dankeschön!

Trondheim

Die Nacht war stürmisch, aber es gab keine weiteren unangenehmen Vorkommnisse. Beim Frühstück schauen wir uns um. Die Menschen im Speisesaal sehen überwiegend ein wenig mitgenommen aus, aber offenbar ist es bei ihnen wie bei uns: Essen geht schon wieder. So langsam finden wir uns ein auf dem Leben an Bord. Heute sollen wir nach Trondheim kommen, und zwar morgens. Vorher hält das Schiff schon an einigen anderen Häfen, aber jeweils nur kurze Zeit zum Einsteigen und Aussteigen, um Fracht zu laden und zu löschen und um Proviant zu bunkern und Müll und anderes zurückzulassen. Das Schiff funktioniert tatsächlich als Vielzweckverbindung zwischen Süd- und Nordnorwegen. Das merkt man immer deutlicher, je weiter man nach Norden kommt. In einem Buch wurde diese Route halb scherzhaft als Staatsstraße 1 bezeichnet. Die Norweger, die mit uns reisen erkennt man sofort. Sie schauen weitaus weniger begeistert aus dem Fenster, haben oft Kinderwagen und eine Menge Gepäck dabei und ziehen sich oft gar nicht weiter aus, weil sie ja in drei oder vier Stunden schon wieder aussteigen. Ich dagegen laufe hier in bequemer Kleidung herum mit Crocs an den Füßen. Doch können sie wie wir die Annehmlichkeiten der Seereise nutzen und sitzen mit Kind und Kegel im Restaurant dabei oder in der Bar.

Zurück zu Trondheim. Wir verlassen das Schiff noch in der Dunkelheit und stapfen im Schnee den Schildern SENTRUM nach. Vorbei am winterlichen Yachthafen über etliche Brücken kommen wir immer weiter in die Stadt. Es gibt riesige Hotelkomplexe großer Unternehmen und kleine Geschäfte, die ihren Eingang im Schnee mit flackernden Öllichtern markieren. Die Stadt zeigt Wohlstand und Fortschritt. Dass sie Universitätsstadt ist, macht sich ebenfalls positiv bemerkbar. Wir kommen vorbei an einem Vinmonopol, das ist ein Laden, in dem es ausschließlich Alkohol gibt. Viel Alkohol und jedweden Alkohol. Aber nicht immer! Die Öffnungszeiten sind stark reglementiert, natürlich ist jetzt am Morgen noch geschlossen, der Laden ist zudem vergittert wie bei uns in Deutschland ein Laden für Schusswaffen.

Um uns einen Überblick zu verschaffen, gehen wir zuerst auf einer hübschen alten Brücke über die Nidelva, den Fluss, der Trondheim in mehrfachen Schleifen durchzieht. Am Ufer stehen auf Stelzen farbige Holzhäuser, die früher den Kaufleuten gehörten, heute allerhand anderes Gewerbe und Szenelokale beherbergen. Auf der anderen Seite geht es steil bergan und hier sehen wir zum ersten Mal einen kostenlosen Lift  für Fahrradfahrer. An der unteren Station ist kurz erklärt, wie er benutzt wird. Man stellt sich knapp neben den Bordstein, stellt auf einem Drückknopf die Geschwindigkeit ein – es gibt Anfänger / Normal / Ambitioniert und dann noch  Notstop und man stellt den rechten Fuß an einen rot angemalten Keil. Der läuft dann auf einer Schiene bergaufwärts und schiebt den Fahrradfahrer vor sich her. Man muss wohl das rechte Bein steif halten und ein bisschen aufpassen, aber es scheint zu funktionieren. Jetzt im Winter verschwindet die gesamte Anlage jedoch im Schnee. Doch haben wir hier immer wieder Radfahrer gesehen, die den Schnee nicht fürchten. Eine junge Frau schmierte auf einem Fußgängerweg mit ihrem Mountainbike weg und landete mit Karacho auf dem Boden. Lachend stand sie auf und fuhr weiter. Eine Norwegerin eben.

Wir jedoch stapfen den Berg hoch zur Festung, denn von dort soll man die Stadt von oben betrachten können. Etliche Leute mit Kinderwägen und / oder Hunden kommen uns entgegen. Vor vielen Häusern und natürlich oben auf der Festung weht die norwegische Flagge. Die Norweger haben zu ihr ein weitaus ungezwungeneres Verhältnis als wir Deutsche zu unserer. Die Flagge zu schwenken oder zu hissen ist hier etwas, das man jederzeit tut und es wird als allgemein gültige Äußerung jedweden Gefühls gutgeheißen.

Da wir nicht allzu viel Zeit zur Verfügung haben, machen wir auf halber Strecke kehrt und steuern den Nidarosdom an, den Dom aus der Zeit im Mittelalter, als Trondheim Norwegens Hauptstadt war und Olav II König war. Er steht inmitten eines malerischen Friedhofs und wirkt von der Seite fast ein wenig russisch, die Front dagegen erinnert an französische Kathedralen. Mir gefällt die Seitenansicht besser. Hinein sind wir nicht gegangen, denn wir hätten im angrenzenden Shop Tickets für umgerechnet 12 Euro pro Person kaufen müssen, und das erschien uns für eine Kirche recht viel. Die im Shop erhältlichen Postkarten zeigen viel hohe graue Gotik.

Allmählich wird es Zeit, wieder zum Schiff zurück zu gehen. Wir wählen einen Weg entlang des Flusses hinter den alten Stelzenhäusern. Rechtzeitig zum Mittagessen sind wir da. Die Ausfahrt aus dem Fjord verfolgen wir gemütlich am Fenster. Immer wieder nimmt das Schiff neue Biegungen und nur auf dem Handy können wir auf Google verfolgen, ob das, woran wir gerade vorbei fahren, eine Insel oder eine Landzunge ist. Hier ist Ortskenntnis für einen Schiffskapitän das A und O. Was unsere Frau Kapitänin während des Sturmes in der vorausgegangenen Nacht geleistet hat, wird uns zunehmend klarer.

Am Nachmittag werden wir aufs Deck gerufen, es gibt Miesmuscheln zum Probieren. Sie sind so lecker, ich ergattere zwei Portionen. Der Schiffskoch hat beste Muscheln aus der Region gekauft und weder am Wein noch an Zitronenvierteln, Chilli, Ingwer, Knoblauch und Koriander gespart.

Kurz danach kommen wir an einem putzigen Leuchtturm vorbei. Die Reiseleiterin berichtet, dass in früheren Zeiten jeweils zwei Leuchtturmwärter mit ihren Familien – und einer Lehrerin! – darin wohnten. Da der Platz vom Turm bis zum Meeressaum nur wenige Zentimeter betrug, durften die Kinder nur aus dem Turm, wenn sie mit einer Leine um den Bauch am Turm festgebunden waren. Heute kann man den Turm während der Ferien mieten, ein sicher nicht ganz billiges Vergnügen.

Beim Abendessen sitzen wir wieder im Speisesaal und schauen hinaus in die dunkle Nacht.

 

 

Sturm draußen vor Måloy

Wir schlafen in dieser Nacht wie die Murmeltiere, oder besser wie die Seehunde. Meine Fitbit kommt gar nicht mit dem Messen nach. Das Schiff schaukelte gewiss, laut Plan sollte es zweimal angehalten haben, aber ob das so war, können wir nicht sagen, wir schliefen ja.

Am nächsten Morgen gibt es ein Frühstücksbüffet, das dem Abendessen am Tag zuvor in nichts nachsteht. Wieder eine unbeschreibliche Vielfalt an kaltem Fisch, dann alles, was der Brite so am Morgen isst, allein acht verschiedene Marmeladen, Körbe von Brot und Brötchen, ein Durchlauftoaster zum Selbstbedienen, Tees, Kaffee aus der Maschine (wider Erwarten sind die Norweger bekannt für köstlichen Kaffee), Säfte, Smoothies, frisches Obst und Gemüse, … und zu allem Überfluss auch noch eine warme Theke, falls ich denn gleich am Morgen Lust auf eine warme Mahlzeit habe. Alles ist gekennzeichnet nach Allergenen, so dass auch ich als laktoseintolerante Reisende einen Überblick behalte. Einen Teil der Reste des Abends zuvor erkenne ich in veränderter Form wieder, etwas, was mich sehr beeindruckt. Offenbar wird hier wenig weggeworfen. Das Personal ist außerordentlich freundlich und zuvorkommend. Irgendwie schaffen wir es nicht, nach einem Teller aufzustehend und den Raum zu verlassen. Wenn das so weitergeht!

Die Durchsage meldet erst auf norwegisch, dann auf englisch und dann auf deutsch, dass wir nun in Måloy anhalten. Sie gibt Empfehlungen zum Landgang „wer ein wenig zur Übelkeit neigt, sollte diese Gelegenheit nutzen, denn der Aufenthalt an Land kann das Gleichgewicht stabilisieren helfen“, zur Kleidung „es könnte ein wenig kühl sein, daher sollten Sie auf geeignete Kleidung achten. Wer Spikes dabei hat, sollte sie benutzen, da es an einigen Stellen durchaus glatt sein könnte“, wohin wir uns wenden sollten „Måloy hat wie New York die Straßen numeriert. Daher empfehlen wir, die Straße Nummer 1 zu benutzen, so kommen sie leicht wieder zum Schiff. Wir bemühen uns darum, dass das sehr interessante Museum aufgeschlossen wird. Das können Sie besichtigen“ und zur Dauer „wir möchten Sie bitten, wieder rechtzeitig an Bord zu sein, denn unser Schiff wird Måloy um 14.40 verlassen, da um 15:00 unsere Liegezeit endet“. Nur zwischen den Zeilen schwingt mit, dass ein so langer Aufenthalt in Måloy eigentlich nicht geplant war und dass man die sichere Zeit im Hafen nutzen will, denn draußen ist es offenbar mehr als ungemütlich.

Wir tun, wie uns empfohlen wurde und ziehen uns ordentlich an, Spikes vom deutschen Kaffeeröster inclusive (die sind wirklich gut, nur falls jemand sie in der Hand gehalten haben sollte und sich überlegt hat, ob die was taugen). Beim Verlassen des Schiffs zeigen wir unsere Karte mit dem Strichcode vor und der Schiffscomputer registriert, dass wir draußen sind.

Wir stiefeln ein wenig umher. Es ist eine nette Kleinstadt, unten Mehrfamilienhäuer, oben am Hang Einfamilienhäuser. Parallel zum Hafen verläuft die Einkaufsmeile, wo es vor allem Läden zur Inneneinrichtung gibt – es scheint in einem Land, in dem so lange Dunkelheit herrscht, wichtig zu sein, dass man schön wohnt – eine Reihe von Cafes, ein hübscher Blumenladen und am Platz befindet sich ein winziger Supermarkt. Den betreten wir, weil ich immer neugierig bin auf Supermärkte und weil Herr W. sich mit sprudelndem Mineralwasser eindecken wollte, welches auf dem Schiff so gut wie unbezahlbar ist. Wir vergleichen Preise und stellen fest, dass hier das meiste deutlich teurer ist als bei uns in Deutschland. Wir staunen über Produkte, die wir nicht kennen wie den längs halbierten und tiefgefrosteten Schweinekopf, über lustige norwegische Wörter wie Pumpakärnor für Kürbiskerne und über eine Riesenpackung Pralinen der Marke Kong Haakon.

Wieder an Bord klärt man uns auf: Jetzt müssen wir losfahren, denn das Schiff kann nicht mehr im Hafen bleiben. Aber zumindest seien die Wellen nun nur mehr 5 Meter hoch anstelle der 13 Meter vor einigen Stunden.

Wir begeben uns in die Lounge, noch ist es ja ruhig. Einige Wellen kündigen an, dass es ruppiger werden könnte, Schneeflocken wirbeln und bleiben auf der Scheibe liegen. Wir fixieren den Horizont und fühlen uns gewappnet. Nach und nach werden die Menschen in den anderen Sesseln ein wenig ruhiger, keiner redet irgendwelches überflüssiges Zeug, was ja eigentlich ganz gut ist. Jemand steht auf und verlässt den Raum. Vorne brechen sich einzelne Wellen gischtend am Bug. Schweigend verschwindet ein weiteres Pärchen. Krachend fällt das Schiff in ein Wellental. Ich verspüre den dringenden Reflex, meine Blase zu entleeren. Also informiere ich Herrn W., dass ich nur mal kurz pinkeln gehe. Im Klo weiß ich plötzlich nicht mehr so genau, ob ich mich wirklich auf die Schüssel setzen möchte und entscheide mich spontan um. Vermutlich sollte ich nicht sitzen, sondern liegen. Also schwanke ich mühsam hinunter in unser Zimmer und lege mich nach erneutem Übergeben flach aufs Bett. Hier ist es ein wenig besser. Ich verbringe die folgenden Stunden zwischen Wachen und Dösen.

Ab jetzt muss ich aus Herrn W.s Sicht erzählen: Er bleibt noch viel länger, da er ja das Problem hat, dass er nicht nur seine eigenen Sachen dabei hat, sondern nun auch mein Zeug, vor allem den Fotoapparat, aber auch das Buch, die Lesebrille und so weiter. Er passt auf, dass bei den heftigen Bewegungen nichts wegfliegt oder kaputt geht. Nach und nach gehen die meisten Menschen aus der Lounge. Er und fünf andere harren aus. Entweder weil sie sich nicht vorstellen können, aufzustehen, oder weil es ihnen nicht so viel ausmacht. Die schweren Sessel fangen an umzustürzen und durch den Raum zu schießen. In einer kurzen Pause schafft er es, unseren Krempel zusammenzuraffen und nach unten zu kommen. Auf dem Weg nach unten begegnen ihm immer wieder Mitarbeiter der Hurtigruten mit Putzwagen. Auch er muss sich übergeben, ab jetzt liegen wir beide auf dem Bett. Die Stimme aus der Durchsage kommentiert das Ereignis, zunächst mit verharmlosenden und mutmachenden Phrasen, später eindeutiger, zuletzt nurmehr knapp, da die Sprecherin offenbar selbst sich am liebsten übergeben möchte. Irgendwann wird es ruhiger, denn das Schiff hat sich seine Fahrtrinne hinter Inseln gesucht, wo es ruhiger ist.

Als nach acht für unsere Gruppe die Essenszeit anbricht, wage ich mich hoch ins Restaurant. Eine Menge Tische sind nicht besetzt. Auch ich sitze allein, denn Herr W. zieht die waagrechte Lage noch vor. Von den drei Gängen will ich nur zwei und esse jeweils nur ein paar Happen. Bald ziehe ich mich wieder aufs Bett zurück. Wer weiß, was die Nacht noch bringt. …

Hurtig, hurtig – ab in den Norden (zweiter Text – den ersten hat offenbar das Schiff verschluckt)!

Herr W. und ich haben eine Fahrt mit den Hurtigruten entlang der norwegischen Küste gebucht. Nord- und südgehend, das heißt 11 Tage. Jetzt im Winter soll es hier zwar überwiegend dunkel und auch recht kalt sein, andererseits locken die berühmten Polarlichter und die Sache ist finanziell einigermaßen machbar. Hurtigruten wirbt mit dem Slogan „Die schönste Seereise der Welt“, das muss man sich doch einmal gegönnt haben. Laki zieht indessen zu ihrem geliebten Hundesitter, enorme Futtervorräte im Gepäck.

Wir haben gepackt, ich habe uns übers Internet eingecheckt. Alles ist soweit erledigt, ein gemütlicher letzter Abend steht uns bevor, ehe die Reise am frühen Sonntagmorgen starten soll. Da ploppt auf meinem Handy der Messenger auf: Die Fluggesellschaft, die uns über Amsterdam nach Bergen bringen soll, meldet den Ausfall des zweiten Fluges. Es wird ein Ersatz angeboten, doch der ist indiskutabel, weil dieses Ersatzflugzeug erst landen soll, wenn die MS Spitsbergen, mit der wir fahren sollen, bereits in See gestochen ist. Wir rufen die Mitarbeiter von Hurtigruten an, doch die haben sich schon ins Wochenende begeben. Aus dem gemütlichen Abend ist unversehens eine kurze schlaflose Nacht geworden. …

Viel früher als geplant fährt Herrn W.s Auto in der sonntäglichen Dunkelheit in eine Kleinstadt in der Umgebung, ein Zug soll uns zu einem Bus bringen und der hat Frankfurt Flughafen als Ziel. Doch der angekündigte Zug ist nicht da, dafür ein anderer. Ich frage eine junge Frau, die bereits im Zug sitzt. „Vermutlich,“ meint sie gedehnt, „da gibt es dann einen Bus, ich hab sowas gehört. Doch, ich glaube schon. …“ Sei’s drum. Wir wuchten unser Gepäck hinein und steigen hinterher. Wie es weitergeht, werden wir dann schon sehen. Nach dem ganzen Durcheinander spielt meine Verdauung verrückt. Wir sitzen also in einem Zug, von dem wir nicht wirklich wissen, wohin er uns bringt und ich verbringe die Zeit auf dem Klo. Um es kurz zu machen: der Anschluss klappt. Es gibt wirklich einen Bus, der uns zum Terminal 1 bringt. Mit uns fahren überwiegend Mitarbeiter des Flughafens in ihrer Arbeitskleidung und tauschen sich beiläufig über den gestrigen Abend aus. Unser Bus passiert Schranke um Schranke, über dem Flugfeld schiebt sich zögernd die aufgehende Sonne in den Dunst.

In Terminal 2 befindet sich der Schalter unserer holländischen Fluggesellschaft. Wir machen uns auf erbitterte Diskussionen gefasst, doch das ist völlig unnötig. Der Angestellte übergibt uns sogleich Tickets für zwei Flüge mit der Lufthansa, die zwar später am Tag stattfinden und nicht über Amsterdam, sondern über Oslo gehen, doch wir kommen damit zeitlich hin. Dazu gibt es noch Gutscheine für Essen innerhalb des Flughafens. So einfach geht das!

Mit unserem Gepäck geht es zurück zu Terminal 1 zum Schalter der Lufthansa. Wieder einchecken, nach erneutem Umräumen mitten in der Halle die großen Koffer abgeben. Jetzt haben wir Zeit, die wir für Kaffee und ein Frühstück nutzen. Da wir nun müde werden (die Nacht war wirklich sehr kurz), beschließen wir wieder zum Terminal 2 zu fahren, weil wir die Besucherplattform aufsuchen wollen. Dort kann man draußen rumlaufen und den Flugzeugen beim Starten und Landen zugucken. Ein bisschen frische Luft täte jetzt gut. Doch es regnet Bindfäden und daher sparen wir uns die sechs Euro Ein- oder besser Austritt. Vor dem großen Fenster gibt es bequeme Sessel. Wir lümmeln ein wenig herum, und da ich nicht zur Ruhe komme, mache ich mich auf, Terminal 2 zu erkunden. Besonders begeistern mich zwei riesige Wandbilder hoch oben unter der Decke, die komplett aus Topfpflanzen bestehen und so eine Parklandschaft nachstellen.

Zurück in Terminal 1 lösen wir unseren zweiten Essensgutschein ein und machen uns bereit zum Einchecken. Da wir beide wahrlich keine Vielflieger sind, dauert das, weil wir allein bei der Handgepäck- und Personenkontrolle eine Reihe von Beanstandungen haben. Aber zumindest habe ich dieses Mal daran gedacht, mein Opinelmesserchen zu Hause zu lassen. Auf den letzten Drücker erreichen wir unser Gate und Herr W. erhält zu seiner Freude einen Platz am Notausgang mit mehr Beinfreiheit. Dafür muss er versprechen im Falle einer Notlandung dem Bordpersonal behilflich zu sein.

In Oslo müssen wir entgegen der Aussage des Frankfurter Personals zunächst komplett aus dem Landebereich heraus, durch die Passkontrolle, unsere Koffer am Rollband abholen und dann einen Stock höher wieder einchecken. Doch da das alles eine Weile dauert, ist unser Anschlussflug bereit zum Start. Wir kommen nicht mehr rein. Allmählich sind wir mit unserer Geduld am Ende, was der arme Mitarbeiter am Schalter zu spüren bekommt. Als er erfährt, dass wir eine Schiffreise im Anschluss haben, hängt er sich noch einmal ans Telefon, vergebens. Er bietet uns Flüge dreißig Minuten später an. Auch damit würden wir noch das Schiff erreichen. Mir wird klar, dass Flughäfen für derartige Fälle immer ein Ass – sprich einen Flug – im Ärmel haben. Notgedrungen nehmen wir an und verbringen nun auch im Osloer Flughafen eine kurze Zeit. Er ist kleiner, eindeutig skandinavisch gestaltet, mit viel Holz. Ich kaufe mir mit meinen in Deutschland gewechselten Kronen ein kleines Fläschchen Wasser. Für den Betrag, den ich hierfür entrichte, hätte ich woanders eine Flasche guten Sekt bekommen.

Wieder erhält Herr W. einen Platz an der Nottür, ich sitze viele Reihen hinter ihm. Aber das Schicksal meint es gut mit uns: vom Abheben bis zur Landung in Bergen scheint der Abendhimmel in der klaren Nachtluft in den wundervollsten Farben von rosa über violett und leuchtendblau bis purpur. Fürs erste sind wir vollkommen entschädigt.

Der Flughafen in Bergen ist noch kleiner und so finden wir rasch die Koffer und den Ausgang, wo der Bus abfahren soll. Doppelte Drehtüren führen nach draußen. Dort ist es dunkel, windig und kalt. Stockfinster. Stürmisch. Bitterkalt. Unverzüglich ziehen wir uns wieder nach drinnen zurück, wo auch andere mit großem Gepäck warten. Endlich rollt der Bus heran und Herr W. übernimmt das Gepäck, während ich mich um die Plätze kümmere. Um mich herum vernehme ich englisch, japanisch und breites bayerisch, letzteres am lautesten. Das kann ja heiter werden. Der Busfahrer steigt als letzter ein und macht uns als erstes unmissverständlich klar, dass jeder, der nicht angeschnallt ist, umgerechnet 160 Euro Strafe zahlt. Eiligst zerren alle Reisenden die Gurte unter ihren Hintern hervor und pfriemeln sie zusammen. Da Herr W. und ich für den Nachmittag eigentlich geplant hatten, uns Bergen anzusehen, schauen wir gebannt hinaus, um wenigstens noch einen kurzen Blick auf die Stadt zu erhaschen. Aber der Bus fährt unverzüglich in einen Tunnel, der mich an den St.-Gotthardstunnel erinnert. Als wir herauskommen, sind wir am Hafen.

Wieder gibt es einen Terminal, wieder wird uns das Gepäck abgenommen. Dafür erhalten wir einen Umschlag mit den Karten, die uns in den nächsten Tagen ausweisen werden und mit einigen Informationen. Wir queren die großzügige Halle, fahren mit der Rolltreppe hoch und steigen drüben Treppen wieder hinunter, eilen über einen windigen Vorplatz und sind im Schiff. Unser Zimmer ist wie gebucht in der Mitte des Schiffs, daher fensterlos. Doch haben wir ein großes Bett und alles ist modern und sauber, also bestens. Andere haben Stockbetten, erfahren wir später. Das Büffet ist bereits eröffnet und wir ahnen schon beim Essen, dass wir beim Heimflug unsere Mehrlast nicht in den Koffern, sondern auf den Hüften schleppen werden.

Ehe das Schiff ablegt, sind wir in unserer Kabine und liegen erschöpft in den Betten.

Auf dem Weg in den Advent

Die Schwester in Burghausen kocht gern und gut und es gibt für jeden Tag einen vorher festgelegten Speiseplan. Auf dem Wochenmarkt wird regional eingekauft und ich habe meine Freude an den für mich ungewöhnlichen Speisen und fast noch mehr freue ich mich am bayerischen Zungenschlag der Händler. Mittags komme ich hier mal wieder zu Gulasch mit Mehlklößen und Gurkensalat, zu Karthäuserklößen mit Weinschaumsoße, aber auch zu neuen Gerichten wie Hähnchen mit rotem Camarguereis und Gorgonzolasoße oder Fisch mit Meerrettichsabayone.

Den Ausgleich bilden lange Spaziergänge mit den Hunden entlang der Salzach oder oben auf der Burg. Diese Burg ist  mit 1051 Metern die nachgewiesen längste Burganlage der Welt, nur irgendwo in Indien gibt es ein Fort, das ist länger, aber das ist eben keine Burg. Von der Burg kann man hinüber sehen nach Österreich oder hinunter auf den dahinter liegenden Wöhrsee. Überhaupt, Österreich, es ist hier allgegenwärtig. Man fährt eben zum Einkaufen hinüber, zum Spaziergang und natürlich zum Tanken, was sich wirklich lohnt. Wenn früher in Burghausen Kinder geboren wurden, bekamen sie schon im Krankenhaus einen Kinderausweis, weil man oft mehrmals die Woche aus irgendwelchen Gründen die Grenze überquerte. Heute merkt man die Grenze nicht wirklich, man weiß es eben beim Überqueren der Salzach. Das Burghausener Jazzvestival ist weit über die Grenzen bekannt. Dass Burghausen durch die Wackerwerke eine recht wohlhabende Stadt ist, zeigt sich an vielen Kleinigkeiten, die hier optimal funktionieren. Diese Dinge fallen nur jemandem auf, der es auch anders kennt. Doch auch hier im südöstlichen Zipfel Bayerns ist Vetternwirtschaft und Gschaftlhuberei von Großkopferten der Bremsstein im Getriebe, also doch keine heile Welt.

Apropos „Heile Welt“: Aus Hochburg, einem nahen winzigen Weiler in Österreich kommt Franz Xaver Gruber, dessen Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ vor genau 200 Jahren am 24. Dezember 1818 uraufgeführt wurde. Damals waren die Zeiten schwer, der Landstrich arm, aber man hoffte auch. All das spiegelt sich im Lied wieder und dürfte mit der Grund für die rasche weltweite Verbreitung sein. Burghausen hat einen Wettbewerb ausgerufen, ein gutes Preisgeld ausgelobt und zusammen mit einigen Professoren aus dem In- und Ausland die drei Sieger ermittelt.

Film zum Stille-Nacht-Wettbewerb der Stadt Burghausen

Heute sollen die Stücke der drei Gewinner vorgestellt werden, dafür haben wir schon vorher kostenlose Platzkarten für die Kirche St. Jakob geholt. Warm eingepackt sitzen meine Schwester und ich im vorderen Teil der Kirche und lauschen den unterschiedlichen Darbietungen. Ein Chor singt das 8-strophige Originallied, Kinder führen ein kleines Stück über die Verbreitung des Liedes auf, der Bürgermeister spricht, zweiter und erster Gewinner werden vorgestellt. Dann kommt der Orgelteil. Wo schon die Orgel als Instrument aufgrund ihrer Möglichkeiten große Klangvielfalt verspricht, kommt nun die sehr unterschiedliche Interpretation dazu. Das Thema wird vielfältig variiert, mal als Fuge, mal als orientalisches Bild, mal völlig modern. Es ist nicht immer leicht, das veränderte Thema zu finden, aber mit einigem Hineinhören möglich.

Laki und ich fahren mit dem Zug wieder heim. In der Nacht hat es hier geschneit und ich sitze am Fenster und löffle die Suppe, die mir die Schwester in die Thermoskanne gefüllt hat. Draußen weiß, im Kopf noch die Klangvielfalt der Orgelmusik, vor mir die dampfende Köstlichkeit – ja, so kann sich die Adventszeit anlassen.

Beim Umsteigen in Mühldorf ergibt sich eine Verspätung. Ob ich nun den Anschluss in München noch kriege, können mir auch die Zugbegleiter nicht sagen. Ich soll rennen, sie wünschen mir Glück. Das ist leichter gesagt als getan, denn der Koffer ist jetzt noch schwerer als bei der Hinreise, der Hund ist störrisch, weil er sein warmes Plätzchen im letzten Zug nur ungern aufgegeben hat und die Strecke innerhalb des Bahnhofs ist weit und holperig. Mit rasselndem Atem komme ich am wartenden Anschlusszug an und brauche eine ganze Weile, bis ich mich auf meinem neuen Sitzplatz erneut eingerichtet habe.

Kurz vor meiner Heimatstadt stehe ich mit Hund und meinem unmäßigen Gepäck an der Tür. Ich will ja nicht, dass ich wieder den Ausstieg übersehe. Ich erkenne eine 12 Kilometer davor liegende Gemeinde am Kirchturm wieder und rechne schon aus, welchen Bus ich zu meiner Wohnung noch kriegen könnte. Der Zug hält an und steht. Eine Weile steht er, aber das kennt man ja. Stellwerk, entgegenkommende Züge, Weiche, irgendsoetwas. Eine Durchsage kündigt an, der Zug komme nicht in meine Heimatstadt „wegen Personenschadens im Hauptbahnhof“, man könne aber hier nicht aussteigen, da der Bahnsteig hier zu kurz sei, der Schaffner werde das Zugende wechseln und zurückfahren. Die Orte die er anfahren will, kenne ich und blitzschnell wird mir klar, dass das ein Umweg von mindestens 150 Kilometern werden wird, und dass dann immer noch nicht klar ist, wie ich nach Hause komme. Den Gesichtern der Mitreisenden sehe ich an, dass sie ähnliche Überlegungen anstellen. Verzweiflung, Panik, Wut und beginnendes Aufbegehren lese ich darin. Und tatsächlich werden erste Stimmen laut. So beginnt eine Meuterei, denke ich noch. Es wird turbulent, überall wird telefoniert, Menschen quetschen sich aneinander vorbei. Der Unmut kommt wohl auch bei Zugführern und Zugbegleitern an.

Endlich kommt eine weitere Durchsage, man könne doch aussteigen, wenn man ausschließlich die Tür in Wagen 25 benutze. Jetzt ordnet sich das Chaos und eine große Menschenschlange setzt sich mit Gepäck in Bewegung, ich und Koffer und Hund mittendrin. Bei einsetzender Dunkelheit stehen wir Gestrandeten auf dem kleinen Bahnhofsvorplatz, ein ebenfalls gestoppter Regionalzug hat die Zahl der Leute auf einige Dutzend anwachsen lassen. Unvermittelt sind wir zu einer kleinen Schicksalsgemeinschaft geworden und da heißt es zusammenhalten. Der nächste Bus kommt in eineinhalb Stunden. Auf den warten wir nicht. Daher schließen wir uns zu taxitauglichen Grüppchen zusammen und telefonieren. Ein junger blonder Mann nimmt die Sache in die Hand, mit von der Partie sind ein Pendler, der heim zu Frau und Kind will, eine ältere Dame, die sich um die anfallenden Kosten sorgt und ich mit  dem schwarzen Hund.

Endlich kündigt sich das Taxi an, doch der Fahrer finde den Bahnhof nicht. Wir Wartenden schauen uns an, Fragezeichen im Blick. Na gut, dann laufen wir eben dem Taxi entgegen, er warte an der Tankstelle, dessen rotgelbes Schild wir in der Dunkelheit leuchten sehen. Als wir endlich ankommen, mault der Taxifahrer, dass der Hund nicht angegeben worden sei am Telefon, er möge Hunde nicht, wegen der Fussel. Aber nun bin ich so weit, dass ich auf derartige Empfindlichkeiten keine Rücksicht mehr nehme. Und außerdem sind das Haare, keine Fussel. Wenn schon, dann richtig! Ich quetsche mich wortlos auf den Beifahrersitz und Laki inspiziert unterdessen haarend den Fußraum nach Krümeln.

Hier ist es warm, das Taxi kommt im Feierabendverkehr langsam, aber stetig vorwärts. Wir Reisende unterhalten uns. Dabei erzählt der junge blonde Mann von seinem letzten Auftrag in Hamburg. Ich vermute erst, dass er als Model arbeitet, aber er singt. Er habe schon in früher Jugend mit Erlaubnis seiner Eltern immer mal wieder Filmchen bei YouTube eingestellt und dann sei Sony auf ihn aufmerksam geworden, er sei von denen zu einem längeren Workshop für Songwriting in Nashville geschickt worden und habe später einen Vertrag von Sony bekommen. Ich bin spontan beeindruckt und google später seinen Namen Mika Setzer. Und in der Tat hat der Junge was drauf, wenn es auch nicht das ist, was ich so höre.

Am Heimatbahnhof zahlen wir jeder 6 Euro und ich sehe beim Aussteigen aus dem Taxi in der Dunkelheit schon den Bus, der mich und Laki nach Hause bringen wird.