Glenngarriff

Am nächsten Morgen strahlt die Sonne wie tags zuvor. Der Wind hat uns nicht die Steilküste hinunter geweht, und die anderen Wohnmobile auch nicht. Wir wollen weiter, zum nächsten Ring, doch statt des schmutzigen Geschirrs liegt jetzt eine ganze Menge Müll im Auto herum. Wer meinen Hund kennt, der weiß, dass das ziemlich schlecht ist. Laki inspiziert für ihr Leben gern Müll, leckt ihn aus und wenn’s zu gut schmeckt, frisst sie ihn auch. Da wir mit dem Thema „Kotzender Hund“ durch sind, beschließe ich: Der Müll muss weg. Aber hier gibt es keinen einzigen öffentlich zugänglichen Mülleimer. Das ist schon perfide geplant. …

Doch hinter dem kleinen Besucherzentrum sind Mülltonnen. Das sehe ich durch den Bretterzaun. Spontan ziehe ich mich hoch, Herr W. schmeißt die Plastiktüte hinterher, ich entsorge (zum Trennen fehlt die Zeit) und bin auch schon wieder auf der öffentlichen Seite. Von wegen Seniorin!

Wir fahren weiter nach Norden – immer entlang der Rings. Vorbei am Barleycove Beach, der leicht mit jedem Südseeflitterwochenstrand mithalten kann, zur nächsten großen Landzunge, nach Beara. Doch vorher empfiehlt der Reiseführer, dass wir auf dem kleinen vorgelagerten Sheep’s Head in Durrus einen Umweg zu einer prämierten kleinen Käserei fahren. Da uns der Käse in Cashel so gut geschmeckt hat, sind wir aufgeschlossen und neugierig. Hinter der Kirche geht es rechts bergan, die Straße wird enger, Teer geht in Schotter über, bald ist es nur noch ein Feldweg. Er endet vor einem kleinen hübschen Haus, aber niemand ist da. Wir steigen aus und laufen umher. Da entdecken wir, dass hinter dem Haus nochmal ein Feldweg ist, der weiter den Berg hoch führt. Dort gibt es nun auch ein Tor und ein Firmenschild. Doch der einzige, der uns begrüßt, ist ein netter großer schwarzer Hund. Er findet Laki toll und sie ihn auch. Das ist ja schon mal schön. Wir gehen hinein und finden eine Dame, die eigentlich aus der Produktion kommt, aber für uns eben mal Käse verkauft. Sie erzählt uns, dass dies früher ein Hof war mit Vieh, aber dass sich irgendwann gezeigt habe, dass sie im Käsen besser sind als in der Viehhaltung und dass sie deswegen die Milch mittlerweile von den benachbarten Höfen ankaufen. Wir testen, befinden ihn für sehr gut, und kaufen für einen akzeptablen Preis zwei Weichkäse und zwei Hartkäse.

Weil wir schon so weit oben sind, fahren wir nicht mehr zurück auf die Straße, sondern folgen dem Feldweg weiter über den Bergrücken. Hier oben ist die Landschaft rau und nur wenige Bäume können sich hier halten. An der Bantry Bay kommen wir auf der anderen Seite der Landzunge wieder an eine Straße.

Unser nächster Campingplatz liegt nahe Glengarriff. Dieser Ort uns seine Umgebung sind berühmt für die alten Gärten, die es hier gibt. Er liegt an einer inselreichen stark zerklüfteten Bucht. Hohe Bäume wachsen hier, Farn, Moos überlappt die Felsen. Es sieht ein wenig so aus, wie ich mir das Wunderland von Peter Pan vorstelle, von dem ich als Kind ein Buch hatte. Wir checken auf dem Campingplatz ein und wählen einen Stellplatz direkt an einem hübschen plätschernden Bächlein. Mit der älteren Dame an der Rezeption kommen wir schnell ins Gespräch, was schlicht daran liegt, dass die gute Frau sich langweilt und gerne spricht. Wir haben den Verdacht, dass ihr Sohn, der den Platz führt, erkannt hat, dass es seiner Mutter am besten geht, wenn sie hier Rezeptionistin spielt. Gleich für den kommenden Tag buchen wir eine Überfahrt nach Garinish Island, einer kleinen Insel, die in Gänze ein Garten ist. Der alte Boatsman Kevin soll uns fahren, Laki darf auch mit. Wir sind zur verabredeten Zeit am Treffpunkt und da kommt schon das kleine blaue Boot. Außer uns fährt niemand sonst mit. Munter erklärend fährt Kevin eine Schleife, damit wir die Seehunde und die Seeadler sehen können, die hier in der Bucht leben.

Drüben vereinbaren wir mit unserem Fährmann, wann er uns wieder abholen wird. Für die nächsten beiden Stunden verlieren wir uns in den traumhaften Gärten.

Glengarriff ist weit touristischer als ich es bisher dargestellt habe. Auf der Insel sind wir nicht allein, viele Menschen aus aller Herren Länder sind auch hier. Doch die wurden nicht von Kevin nach Garinish Island gebracht, sondern mit Ausflugsschiffen. So stehen wir am Ende unserer Besichtigung mit vielen anderen am kleinen Pier. Reiseleiter komplimentieren die Menschen in die Schiffe, wir dagegen steigen zu Kevin ins kleine Boot.

Wo es Touristen gibt, da gibt es touristische Läden. In Glenngarriff gibt es ein riesiges Geschäft, mehrere Stockwerke hoch in einer alten Fabrik, wo es ausschließlich irische Wollsachen und nach alter Tradition gewebte und gefertigte Kleidungsstücke gibt. Und da ich ja einen Pullover kaufen wollte, … eben. Das Ende vom Lied ist jedoch, dass ich keinen Pullover finde, der mir so gut gefällt, dass ich ihn unbedingt haben möchte, sondern dass Herr W. sich eine wunderschöne Schildkappe aus Tweed kauft. Sie passt und steht ihm so gut, dass er sie an den nächsten Tagen fast täglich trägt. Der Nieselregen, den wir hier immer wieder haben, ist ein zusätzliches Argument.

Am Abend fahren wir nach Bantry, was knapp 20 Kilometer südlicher an der Küste liegt. Die kurvenreiche Straße führt entlang des Wassers, umrundet Buchten und tangiert Privatgrundstücke. Hier sehen wir die größten Rhododendrenstöcke unseres Lebens. Wenn ich daran denke, welche Kümmerlinge wir in der trockenen Mitte Deutschlands päppeln, überkommt mich auf diese vor Saft, Kraft, Farbe und Gesundheit strotzenden Gewächse der blanke Neid. Herrn W. geht es nicht anders. In Bantry wollen wir Fisch essen, der hier an der Küste besonders gut sein soll. Laki darf nicht mit hinein, da es in dem Lokal wirklich sehr, sehr eng ist. Sie wartet abgefüttert im Auto auf dem Parkplatz in der Ortsmitte. Wir haben reserviert und erhalten einen kleinen Tisch an der Stirnseite eines Raumes, der eigentlich nur Wohnzimmergröße hat. Zwei junge, sehr engagierte Männer leiten das Lokal. Ich bekomme mein geliebtes Craftbeer und Herr W. einen Cider. Dann essen wir die Fischkarte rauf und runter. Es ist köstlich. Den Nachtisch schenken wir uns.

Als wir am Abend zurückkommen, räumen wir noch die Stühle ins Fahrzeug, da es immer wieder nach Regen aussieht. Herr W. greift sich ständig an den Kopf, und dann merke ich es auch: Massenhaft winzige Mücken fliegen direkt über uns und haben es auf den Haaransatz abgesehen, der bei Herrn W. naturgemäß etwas größer ausfällt als bei mir als Frau. Fluchtartig ziehen wir uns ins Wohnmobil zurück, mit uns Laki und Hunderte dieser kleinen Biester. Da haben die aber nicht mit mir gerechnet. Nur ein einziges Licht bleibt an und unter diesem Spot zerdrücke ich auf dem glatten Untergrund Mückelein um Mückelein. Wären die mal besser draußen geblieben! Am nächsten Morgen erzähle ich der alten Dame an der Rezeption davon, und sie meint nur lakonisch:“Oh! midgets! We only call them midgets. They always come in may.“ Umgehend schlage ich das Wort nach. Es bedeutet KNIRPS, oder ZWERG. Eigentlich hätte noch MISTVIEH dabei stehen müssen.

Vor dem Gemeinschaftshaus des Campingplatzes stehen Fahrzeuge. Solche gibt es eigentlich gar nicht. Irgendwie Oldtimer, aber irgendwie auch nicht. Ich gehe hinein ins Gebäude und treffe auf drei Schotten, die sich hier vor dem Nieselregen untergestellt und sich Pulverkaffee gemacht haben. Natürlich kommen wir ins Gespräch und ich erfahre, dass alle drei Gefährte selbst gebaut sind aus Teilen, die speziell für diesen Zweck gekauft werden können, aber auch aus handgefertigtem Zubehör und Technik aus anderen Fahrzeugen. Ich glaube zwar nicht, dass das wirklich so ist, aber es hätte mich nicht gewundert, wenn auch ein Rasenmähermotor mit drin gewesen wäre. Sie berichten, dass sie damit durch ganz Europa fahren und auch schon in Süddeutschland und Österreich gewesen sind. Bei einem deutschen Fahrzeughalter hätte der TÜV ganz sicher den Betrieb eines solchen Vehicels verhindert. Ich hole mir die Erlaubnis zu fotografieren und kriege später noch mit, wie die drei mit einem Höllenlärm die Motoren starten und den kleinen Berg zur Rezeption hochknattern.

Ans Ende der Welt, nach Mizen Head

Gleich nach dem Frühstück fahren wir los. Das Wetter ist großartig und der blaue Himmel spiegelt sich in den Buchten und Flussarmen, die sich hier ausbreiten bis zum Meer. Einen kurzen Besuch starten wir Cobh ab. Auf Irisch heißt sie An Cobh, was ausgesprochen wird wie „En Kof“. Diese Stadt hat einige Berühmtheit erlangt, war es doch der letzte Hafen, in dem die Titanik auf ihrer Jungfernfahrt vor Anker lag. Hier war sie noch heile, hier konnte man sich noch der Illusion ihrer Großartigkeit hingeben. Dementsprechend gibt es hier ein Titanicmuseum und in vielen Läden finden sich Bilder, Andenken und Klimbim zur Titanic. Cobh ist heute eine prosperierende Kleinstadt auf einer durch Kanäle vom Festland getrennten hügeligen Insel mit einer riesigen Kathedrale, die hoch über den kleinen bunten Häusern thront. Auf dem Hafen fahren unzählige Fährschiffe, es gibt hübsche kleine Geschäfte, hier kann man offenbar gut wohnen.

Nach diesem letzten Besuch der Zivilisation geht es weiter nach Westen zu den Rings. Im Auto haben wir noch das ungespülte Geschirr vom letzten Campingplatz (er wird uns auf ewig in Erinnerung bleiben als der Platz ohne Warmwasser an der lauten Straße), aber wir haben uns schon einen riesigen Campingplatz auf dem südlichsten der Rings ausgesucht, da sollte dieses Problem im Handumdrehen gelöst sein.

Die Rings sind 5 unterschiedlich große Landzungen, die weit in den atlantischen Ozean hinausragen, zerklüftet, naturnah, pittoresk. Für den Reisenden bedeutet ein Besuch der Rings viel Fahrerei, da die Landzungen nicht durch Brücken oder Fähren verbunden sind und teilweise auch recht gebirgig sind. Aber genau dafür sind wir ja hierher gefahren.

Die Landschaft wird ursprünglicher. Wir kommen an einen hübschen kleinen Hafen, Crookhaven, um den sich einige winzige Häuser drängen. Man ist auf Touristen eingestellt, eine kleine Gallerie, der Juwelier und die drei Lokale verraten es. Aber es ist herrlich entspannt. Vor der Bar stehen am Wasser einige Bänke, Leute sitzen draußen, der hauseigene Hund nimmt mit Laki Kontakt auf und zeigt ihr den winzigen Sandstrand. Wir bummeln ein wenig herum, aber dann zieht es uns weiter. Wir wollen zum Campingplatz.

Den Campingplatz finden wir leicht, denn vor uns fahren immer mehr französische Wohnmobile, riesige Schiffe sind das! Uns wird fast ein wenig bang. Doch der Platz ist groß und gut ausgestattet, das erkennen wir schon, bevor wir überhaupt an der Schranke stehen. Ich klettere raus, und öffne die Tür zur Rezeption – doch niemand ist da. Endlich kommt eine Frau mit Schürze und Putzeimer und erklärt mir, der Platz öffne erst in drei Tagen. Und die Franzosen? Ja, die seien eine geschlossene Gesellschaft, die den Platz jedes Jahr um diese Zeit buchten. Sorry. Doch in Mizen Head könne man auch frei stehen. „Aber das schmutzige Geschirr im Auto!“, will ich einwenden, lasse es aber, denn das interessiert diese Frau sicher kein bisschen.

Wir fahren die Landzunge ab bis ans Ende nach Mizen Head: ein Leuchtturm, ein Parkplatz und ein kleines Besucherzentrum, der südwestlichste Teil Irlands. Wir stellen das Auto möglichst waagrecht ab, denn hier wird es wohl oder übel über Nacht stehen. Dann laufen wir mit Laki vor zum Besucherzentrum. Es kostet Eintritt, und dieses Mal greift mein Alter nicht. Aber Laki darf mit rein. Hinter dem Besucherzentrum gibt es einen gut ausgebauten Pfad. Links fällt steil das Gelände ab zum Meer, rechts steigt es steinig an. Eine halbe Ewigkeit stehen wir und sehen der Gischt zu, wie sie sich an den Felsbrocken tosend bricht.

Dann kommt ein metallener Gitterrsteg, von dem aus wir unter unseren Füßen noch mehr weißes Wasser gischten sehen. Rechts öffnet sich überraschend der Fels und wir haben einen spektakulären Blick auf die nächsten Landzungen Bantry und Beara.

Endlich sind wir am Leuchtturm. Die Gebäude dazu sind zu einem winzigen Museum umfunktioniert, wo man sich über die Arbeit und das Leben der Leuchtturmwärter Anfang des 20. Jahrhunderts informieren kann. Herr W. und ich überlegen eine Weile, kommen dann aber überein, dass auch mit ganz, ganz vielen Büchern ein monatelanger Aufenthalt so weit weg von allem für uns nicht in Frage käme.

Vor dem Museum sitzt eine ältere Dame, mit dickem Anorak und Jogginghose. Sie ist mir schon die ganze Zeit aufgefallen. Sie scheint uns zu verfolgen. Eine Bettlerin? Wir gehen ganz nach vorne, wo auf dem allerletzten Felsen das Drehlicht steht. Vor uns nichts. Nichts. Nochmal nichts. An Amerika mag man kaum zu denken, so weit weg ist das sowohl von den Gedanken als auch von der Kilometerzahl her.

Wir treten den Rückweg an, zurück zum Besucherzentrum. Die alte Frau ist wieder da. Sie wartet, lächelnd. Sie kommt hinter uns her. Jetzt endlich wird uns klar, dass sie hier ist, damit am Tagesende niemand hinter dem Besucherzentrum eingeschlossen wird. Denn dann fahren die Mitarbeiter nach Hause und die Eingeschlossenen wären dazu verdammt, die Nacht an diesem unwirtlichen Ort zu verbringen. Tatsächlich ist das Besucherzentrum jetzt leer und wird hinter uns umgehend abgeschlossen. Wir waren die letzten Besucher dieses Tages.

Der Parkplatz leert sich ebenfalls zusehends und bald wird klar, dass fünf Wohnmobile hier über Nacht stehen bleiben. Ohne Strom, ohne Wasserzugang, ohne Müll, ohne Licht, ohne Internet. Dafür hat ein Fahrzeug, nämlich unseres, eine Menge ungespültes Geschirr an Bord. Also erhitze ich in dem einen schmutzigen Topf ein wenig Wasser, gebe Pril dazu und spüle.

Mit einem grandioseren Ausblick hat noch nie ein Mensch gespült.

Wir kochen aus den Beständen des Wohnmobils: Kartoffeln, Salat und die dreifache Versuchung aus Black Pudding, White Pudding und verwurstetem Speck. Gar nicht mal so schlecht!!!

Von innen nach außen: Whitepudding (aus Gerste gemacht, wie Grützwurst), Blackpudding (Blutwurst) und außen der Speck, den ich persönlich am wenigsten mochte.

Bald wird es dämmrig, dafür kommt ein kräftiger Wind auf. Ich gehe nochmal mit Laki raus. Direkt am Wegesrand wächst Knabenkraut. Auf den Weiden direkt am tosenden Meer stehen Rinder. Sie muhen uns an, Laki bellt zurück. Wir schlüpfen zurück ins windgeschützte Fahrzeug. Die Nacht senkt sich herab, doch drinnen komme ich wegen des Windes, der unentwegt am Fahrzeug rüttelt, lange nicht zur Ruhe.

Cashel

Herr W. meinte neulich in einer Sprachnachricht an mich: „Dein Blogg blockt.“ Recht hat er, irgendwie ist immer was, aufräumen, Handwerker, Büchereifortbildung, Garten, Hund, … große Hitze. Aber mit dem Rausreden ist nun Schluss, heute geht es weiter:

Wir fahren von Kilkenny ein ganzes Stück westlich, nach Cashel. Der Ort an sich ist wenig sehenswert, wir umrunden ihn von Norden und sehen gleich den Rock von Cashel mit der Ruine darauf. Unterhalb breiten sich im Sonnenschein grüne Wiesen aus, darin eine weitere Ruine, eindeutig ein Kirchengebäude. Es gibt keinen richtigen Parkplatz, wir stellen das Wohnmobil an den Straßenrand und nehmen zu Lakis übergroßer Erleichterung auch den Hund mit.

Durch ein Drehkreuz gelangen wir zur Hore Abbey, der Ruine eines ehemaligen Benediktinerklosters. Die Benediktiner wurden jedoch 1272 vom Erzbischof von Cashel vertrieben, weil er geträumt hatte, dass sie ihm nach dem Leben trachteten. Daher schenkte er das Kloster den Zisterzienseren, die dort bis nach 1500 wirkten. So kann es gehen.

Wir können überall in der Ruine frei umhergehen. Laki macht prompt ein Häufchen, wir tüten es nach deutscher Manier ein und nehmen es mit.

Die ganze Zeit hatten wir über Mauern und durch Fenster immer wieder großartige Blicke auf die Burganlage von Cashel, die wie eine Krone auf dem Felsen thront. Wir verlassen die Abtei, überqueren eine Nebenstraße und wandern entlang einer Mauer und neben Viehweiden hoch. Schon von weiten hören wir Musik und oben sehen wir die beiden Mädchen mit ihren Akkordeons. Spontan bin ich erfreut, weil ich es gut finde, wenn Kinder durch das, was sie im Musikunterricht oder in der Familie gelernt haben, ein kleines Taschengeld dazu bekommen. Doch ziemlich schnell wird klar, dass die beiden ein sehr kleines Repertoire haben und heute am Sonntag von der Familie hier abgesetzt wurden, damit sie Geld verdienen, das sie abgeben müssen. Und dafür reichen zwei Stücke und ein paar Tanzschritte, denn Touristen bleiben normalerweise nur kurz stehen, werfen eine Münze in den Instrumentenkoffer und gehen weiter. Da haben sie halt nicht mit Herrn W. gerechnet, der sich mit Laki auf eine Bank setzt, während ich in die Burg gehe. Er beobachtet, dass in regelmäßigen Abständen Brüder kommen, die Geld abholen.

Während der arme Herr W. was auf seine Ohren kriegt, wartet auf mich ebenfalls eine unvergessliche Erfahrung: Ich stelle mich an der Kasse an und nutze die Zeit, mich über die Preise zu informieren. Der Eintritt kostet 6 Euro, für Senioren 4 Euro. Grundsätzlich sind hier in Irland 6 Euro Eintritt nicht viel, aber heute bin ich keck und ich frage auf Englisch, ab wann man ein Senior ist. „60 and more“, lautet die Antwort. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich bin ja seit zwei Monaten 60! Also ordere ich ein Seniorenticket. Der junge Mann schiebt es mir anstandslos über die Theke. Ohne nach dem Ausweis zu fragen. Ich bin geschockt.

Drinnen bin ich dann unter meinesgleichen. Es sind überwiegend Leute in meinem Alter hier. Viele Fotoapparate, viele Baedecker, viele Sonnenschutzhüte, viel graues Haar.

Auch hier gehen wir durch Ruinen. Dieses Gebäude ist aber ein Herzstück Irlands, ließ sich doch im 10. Jahrhundert hier ein irischer König krönen. Später wurde diese Burg vom Enkel dieses Königs der katholischen Kirche übereignet, die hier das erzbischöfliche Palais einrichtete. Es gibt eine Kathedrale, eine Kapelle, wieder einen Rundturm, einen wunderschönen Friedhof und Wohn- und Wirtschaftsgebäude.

Wir fahren weiter, weil wir heute noch an die Küste kommen wollen. Vorher gehen wir natürlich wieder einkaufen, glücklicherweise. Es gibt hier in der Region einen Blauschimmelkäse, den Cashel Blue. Er ist wirklich sehr lecker und steht seinen Verwandten aus anderen europäischen Regionen in nichts nach.

Die Autobahn führt uns nach Süden in Richtung Cork. Laut unseres kleinen Campingführers gibt es hier einen Platz, der Hunde akzeptiert und auch offen hat. Wir finden ihn. Wir zahlen und wissen es sofort, auf gar gar keinen Fall bleiben wir hier länger als eine Nacht. Es gibt grünes Gras, das ist aber auch schon alles. Die vierspurige Schnellstraße führt direkt am Platz vorbei, es gibt kein heißes Wasser, kein Internet, man kann nicht duschen. Hinter den Mülltonnen liegt Rattengift. Der Platz gehört zu einem Wohnhaus und liegt im Wohngebiet. Weit und breit kein Pub oder Lokal.

Dafür sind unsere Nachbarn nett. Sie sind Engländer, und wir lernen sie kennen, weil wir es nicht fassen können, dass man keine heißes Wasser hier kriegt. Das ältere Ehepaar ist sehr hilfsbereit, und bietet an, uns mit ihrem Wasserkocher auszuhelfen. Sie freunden sich mit Laki an und zeigen uns ihr Wohnmobil. Ihr ganzer Stolz ist die große Karte von den britischen Inseln, die sie an die Klotür geklebt haben. Überall, wo sie waren, haben sie einen kleinen Pfeil hingeklebt, in jedem Jahr eine andere Farbe. Es kleben sehr viele Pfeile auf dieser Karte. Als ich das bewundere, sagt die Frau lakonisch: „Yes, I already saw it. Wrong map in your car!“ Stimmt, da hat sie richtig gesehen. In unserem Auto gibt es auch so eine Karte. Nur, dass es noch die vom italienischen Stiefel ist!

Kilkenny

Wir fahren westwärts, nach Kilkenny. Meine App sagt, es gebe in Stadtnähe einen Campingplatz Tree Grove, auf dem auch Hunde akzeptiert sind. Vorher kaufen wir wieder ein, diesmal bei Aldi. Wenn man mit dem Wohnmobil fährt, muss man öfter zum Einkaufen los, weil die Lagermöglichkeiten begrenzt sind. Und am einfachsten ist der Einkauf, wenn man mit dem Auto sowieso unterwegs ist, also nicht erst vom Platz losfahren muss. Der Vorteil davon ist, dass man recht viele Supermärkte kennen lernt und sich einen guten Überblick über Angebot, Preise und regionale Produkte verschaffen kann. Ich habe Spaß daran zu gucken, wie die Leute in anderen Ländern einkaufen, was sie interessant finden, wie sie Kaufentscheidungen treffen bis hin zu dem, was sie anziehen, wenn sie einkaufen gehen.

Der Campingplatz ist kurz hinter einem Kreisel stattauswärts und wieder gibt es rund um die gekiesten Stellflächen reichlich grünes Gras. Da die Sonne herauskommt, stellen wir die Stühle heraus und machen uns erst mal einen Kaffee. Denn obwohl die leckeren gefüllten Kekse von Aldi auch so schmecken – mit Kaffee rutschen sie besser. Ich hole endlich das Hundekissen aus der Lauge und bis zum Abend kann Laki wieder drauf liegen.

Der Platzbetreiber erklärt Herrn W. den Weg in die Stadt und gibt auch gleich Empfehlungen bezüglich eines Pubs. Erst denken wir, das wird wieder so eine Cousin-von-der-Großtante-Geschichte sein, aber dieser Pub und vor allem das Bier sind wirklich weit über die Grenzen bekannt.

Wir gehen entlang eines Flüsschens Nore durch einen langgezogenen sehr naturnahen Park. Allmählich wird der Park gepflegter, verläuft auf der anderen Seite entlang einer hohen Mauer und mündet endlich in den Park von Kilkenny Castle. Offenbar ist hier eine Schule untergebracht, und wir sehen am frühen Nachmittag viele Kinder und Jugendliche in Schuluniform, die auf den riesigen Wiesen Hurling und Camogie trainieren. Dabei gilt es, mittels eines Eschenschlägers, dem Hurley, einen tennisballgroßen Lederball in oder über ein Lattentor zu schießen. Es spielen zwei gleichgeschlechtliche Mannschaften gegeneinander. Das Spiel gilt als sehr alt, ausgesprochen schnell und damit auch als nicht ungefährlich. Die Kinder sind verrückt danach. Sie sind sehr geschickt darin, offenbar machen sie in ihrer Freizeit kaum etwas anderes. Wir haben eine ganze Weile zugesehen, bis wir erkannten, dass sie den Ball einfach mit dem Schläger führen, und der nicht daran befestigt ist. Denn so sieht es auf den ersten Blick aus. Wochen später sprach Herr W. in einem anderen Ort ein paar Jungs mit Hurleyschlägern an, weil er hörte, dass Fernsehapparate Fußball übertrugen und er wollte sich informieren, wer da gerade gegen wen spielte. Die Jungs schauten ihn verständnislos an und antworteten, indem sie erklärten, wer von ihnen was beim Hurling am besten könne. Hurleys gibt es überall zu kaufen, selbst in einfachen Supermärkten sind sie für unter 15 Euro zu haben.

Wir lassen uns in den Ort treiben. Hier gibt es mittelalterliche schmucke Häuschen, hübsche Geschäfte mit ansprechender Ware, Pubs und Lokale und nette Gässchen. Endlich kommen wir auch an die Brauerei. Das Bier aus Kilkenny ist nicht ganz so bitter und schwarz wie Guinness, sondern hat einen etwas höheren Malzanteil und ist rotbräunlich. Daher wird es auch einfach „Red Ale“ genannt. Kilkenny’s heißt das Bier als etwas stärkere Exportware, hier wird es unter dem eigentlichen Namen der Brauerei „Smithwicks“ ausgeschenkt. Es ist wirklich lecker und ich finde es fast besser als das Guinness. Die Brauerei residiert an der Hauptstraße hinter einem roten Holztor. Dieses Tor sehen wir nun öfter, überall dort wird Smithwick’s produziert oder ausgeschenkt. Es gibt Führungen, aber leider: „Sorry, no dog!“

Am anderen Ende des Ortes befindet sich die Cathedral Church of St. Canice mit ihrem Round Tower. Diese runden Türme haben wir hier oft gesehen. Sie sind alt, relativ schmucklos und stehen immer gesondert neben den eigentlichen Kirchen. Offenbar waren sie nicht nur Glockentürme, sondern auch Fluchttürme. Die Kirche selbst liegt wieder inmitten eines alten Friedhofs. Sie geht auf eine Gründung in der Zeit um 590 zurück, wurde seit 1300 ununterbrochen genutzt und gilt als eine der bedeutendsten mittelalterlichen Kirchen Irlands. Diesmal ist nicht der Hund schuld, dass wir nicht rein können, sondern unsere Trödelei. Sie wird um 17.00 Uhr geschlossen. Dafür schauen wir uns ausgiebig auf dem Friedhof um.

Natürlich wollen wir danach zum Pub. Sowohl Hunger als auch Lust auf kühles hiesiges Bier treiben uns. Im hellen Sonnenlicht liegt der Pub an einer Kreuzung am Wasser, wieder mit rotem Tor. Der Hund darf mit rein, wir bekommen einen kleinen Tisch. Das Bier zischt. Wir haben eine Kleinigkeit zu essen bestellt, ich eine Leber-Apfel-Pastete mit Röstbrot, Herr W. eine Suppe. Beides ist ungemein lecker. Während des zweiten Biers sehen wir uns um. Wie bei einem Pub zu erwarten besteht die Einrichtung aus einer Mischung aus Krempel, Antiquität und solider Schreinerarbeit, das Publikum aus Menschen aller Altersklassen und hier auch vieler Nationen, sehen die Iren sehr gut aus und haben überdurchschnittlich oft leuchtend rote Haare und gibt es zwei Musiker, einer spielt Gitarre und der andere eine Flöte. Immer wieder kommen sprechen Gäste vom Tresen aus die Musiker an und bitten um bestimmte Stücke, es gibt außer irischer auch internationalere oder gar amerikanische Stücke. Durch das Fenster sehe ich, wie sich hinter der imposanten Shilouette einer Kirche die Dämmerung herabsenkt.

Zeit für uns, weiter zu gehen. Aus einer Kirche kommen Blasmusik und Chorgesang. Erst hören wir aus dem Vorraum zu, dann kommt eine ältere Dame, um uns doch herein zu bitten, da sie uns durch das Fenster in der Holztür gesehen hat. Doch wieder bekommen wir zu hören: „Sorry, no dogs!!

Als wir schon fast wieder aus der Stadt heraußen sind, fällt mir ein Mann auf, der mit seinem Fotoapparat die Szenerie hinter mir ablichtet. Ich drehe mich um, hole auch meine Kamera und lege meinerseits los:

Die Wicklow Mountains

Dieser Blog wurde bereits einmal geschrieben. Vor einigen Wochen in Irland. Und als er gerade fertig war und abgeschickt werden sollte, schmierte der Laptop ab und die gesamte Geschichte verschwand im Orkus. Meine Laune sank weit unter den Nullpunkt und ich beschloss – aus Trotz und vor Wut – auf diesem Laptop erstmal gar keine Texte mehr zu verfassen. Mittlerweile bin ich wieder zu Hause und dort steht ein zuverlässiger PC, der nun täglich einen Beitrag verfassen wird:

Als wir von der Fähre herunter kommen, regnet es. Über das glänzende Pflaster werden wir Kurve um Kurve durch das Hafengelände geleitet. Wir halten uns südwärts, weil wir in die Wicklow Mountains wollen. Vorher müssen wir noch einkaufen und hoffen, entlang der Ausfallstraßen Dublins Supermärkte zu finden. Aber entweder wir sehen sie nicht oder es gibt schlicht keine. Endlich entdecke ich auf der rechten Seite ein Lidl im Erdgeschoss eines mehrstöckigen Hauses. Das Problem ist jedoch, dass die Bebauung hier sehr eng ist und zum Supermarkt nur eine Tiefgarage gehört. Dort können wir mit dem Wohnmobil nicht hinein. Daher schlagen wir einen riesigen Bogen um das Wohngebiet und finden endlich hinter dem Lidl eine Bücherei mit einem kleinen Parkplatz. In der Bücherei sind noch viele Leser, die sich offenbar auf Prüfungen vorbereiten. Wir dagegen stellen das Auto ab und ich füttere Laki. Der Lidl-Markt übertrifft alle unsere Erwartungen. Es gibt Fleisch in ganz hervorragender Qualität, überaus günstig. Auch sonst ist er sehr gut sortiert und wir decken uns ein, soweit das mit einem Wohnmobil möglich ist. Weiter geht es zum Campingplatz. Die Landschaft wird hügeliger und im Schein der untergehenden Sonne flammen an den ansonsten kahlen Hängen unzählige Ginsterblüten auf. Im Gegensatz zu unserem mitteleuropäischen Ginster, der kleine zitronenfarbene Blüten hat, leuchten hier die Blüten fast walnussgroß und dottergelb. Es ist eine Augenweide. Offenbar ist er hier aber nicht viel wert. Man sieht, dass die Bauern und Hirten ihn brachial zurückschneiden. Endlich kommen wir an unserem Campingplatz an. Während Herr W. kocht, gehe ich mit Laki den Ort erkunden. Roundwood heißt er, und ich bin erfreut über die vielen inhabergeführten kleinen Geschäfte. Es gibt einen Bäcker, einen Metzger, einen Blumenladen, einen Fotografen, einen Friseur, einen winzigen Baumarkt, ein kleines Lebensmittelgeschäft und eine Reihe von Pubs. Einer davon, das Roundwood Inn, wird in sämtlichen Reiseführern gelobt, daher wollen wir am nächsten Abend dort essen. Da ich gerade vorbeikomme, gehe ich kurz rein um zu fragen, ob wir hier den Hund mit rein nehmen können. Zu meiner Überraschung prangt über den vielen Zapfhähnen eine kastenförmige Leuchtreklame, wie ich die aus dem Kneipen meiner Kindheit kenne – ASBACH URALT. Damit habe ich hier nun wirklich nicht gerechnet. Der Wirt blickt mich erwartungsvoll an, ich fasse mich und frage, ob wir morgen hierher mit Hund kommen könnten, weil wir hier essen wollen. Klar, kein Problem, wird mir beschieden. Zufrieden verlasse ich das Lokal, nicht ohne für Herrn W. kurz die Speisekarte zu fotografieren, damit er sich schon mal orientieren kann. Irish Stew gibt es – hmmm!

Am nächsten Morgen fahren wir weiter in die Wicklow Mountains hinein, wir wollen nach Glendalough. Das ist eine alte Klosterstätte aus dem 10. bis 12. Jahrhundert, längst aufgegeben und verfallen, zur damaligen Zeit jedoch eines der wichtigsten religiösen und kulturellen Zentren Europas. Für uns ist das heute kaum mehr nachvollziehbar, dass so weit im Westen inmitten eines Mittelgebirges ein derartiger Hotspot war. Aber Irland ist eben eine Wiege des Christentums in Europa. Wir stellen das Auto auf dem Parkplatz eines Restaurants ab und gehen über einen kleinen Bach die paar Schritte. Die Steinruinen und der hohe runde Turm, den man schon von weitem sehen kann, liegen einsam inmitten des Friedhofs. Es gibt kein Tor, keinen Eintritt. Der Friedhof wird auch heute noch genutzt. Das sehen wir in Irland oft, dass uralte Gräber neben neuen Gräbern liegen, häufig ohne Blumenschmuck, die Grabsteine zweiseitig beschrieben, so dass man das gesuchte Grab auch von der anderen Seite finden kann. Auf den Grabsteinen steht das Sterbedatum und das Alter, welches der Betreffende erreicht hat. Es ist, als habe das Sterbedatum das Geburtsdatum ersetzt. In den Gräbern sind oft große Familien, manche Mitglieder werden ausführlich angeführt, andere nur unvollständig erwähnt als „sister“ oder „son“. Unsere deutschen rechten Winkel bei der Friedhofgestaltung sind den irischen Friedhöfen fremd. Gräber liegen, wo sie eben liegen. Wenn es keinen Weg mehr zwischen den Gräbern hindurch gibt, dann balanciert man halt auf den Begrenzungen.

Wir gehen weiter, entlang des Baches, bergan. Der Bach kommt aus zwei hintereinander gelagerten Wasserreservoirs, es gibt hier verschiedene Wanderwege. Wir entscheiden uns für einen Rundweg um beide Reservoirs, eine zwar recht lange, aber, wie wir meinen, für den Einstieg etwas anspruchslosere Tour. Der Heilige Kevin, der Begründer Glendaloughs, hatte hier seine Eremitenklause. Darüber hinaus gibt es aber noch Kevins Bett, Kevins Küche, und so weiter. Kevin wird hier verehrt, weit über das historisch Belegbare hinaus, bis hin zu Legenden, die sich in Ortsbezeichnungen spiegeln. Er muss in seiner Zeit einer der weisesten Männer des Kontinets gewesen sein. Wenn ich daran denke, was wir Lehrer heutzutage mit dem Namen Kevin verbinden. …

Es geht bergan, vorbei an einem Wasserfall.

Immer höher windet sich der Weg. Damit haben wir nicht gerechnet. Endlich finden wir uns ganz oben auf dem Berggrat wieder. Bohlenwege führen uns über Hochmoore. Mittlerweile treffen wir kaum noch andere Wanderer. Die zwei Proviantäpfel aus meinem Rucksack haben wir längst verspeist. Immer wieder nieselt es, doch die großartigen Ausblicke entschädigen für alles.

Wir fragen uns, wie wir auf die andere Seite der Stauseen kommen sollen, denn das Ende des Tales ist lange nicht sichtbar und noch immer steigt der Weg an. Endlich senkt er sich, irgendwann hören die Bohlen auf. Wir hoffen, dass es nun leichter wird, aber wir haben die Anstrengungen unterschätzt, die ein Abstieg über sehr unterschiedlich hohe Steinstufen bedeutet.

Am Ende, in einer unwirklich schönen kargen Landschaft, gibt es eine kleine Brücke über den Bach, dann geht es weiter bergab, immer wieder über Steine und Felsbrocken. Wir sind froh, dass es nicht wärmer ist, und dass der Himmel verhangen ist. Wie gut, dass ich einen Wanderstock dabei habe. Ich finde am Wegrand eine Banane, die schäle ich für Laki, damit zumindest sie ihre Energiereserven auffüllen kann. Wir passieren die erst in den 50er Jahren stillgelegte Miner’s Village, ein schon seit der Bronzezeit genutztes Bergwerk für Blei, Zink und Silber. Die Ruinen lassen ahnen, was für ein Lärm das gewesen sein muss, als mit Wasserkraft Gestein zermahlen und gesiebt wurde und welche Plackerei das für die Menschen bedeutet haben muss.

Endlich kommen wir auf die befestigte Straße und laufen die letzten Kilometer bis zum Auto. „Heute wird nichts mehr gelaufen!“, da sind wir uns einig. Doch wenn wir im Pub zum Irish Stew ein Bier trinken wollen – und ja, das wollen wir – dann ist es sinnvoll, das Auto auf dem Campingplatz abzustellen und zu Fuß zum Pub zu gehen. Leider erwartet uns dort eine böse Überraschung. Denn es ist heute ein anderer Wirt da, und der lässt bezüglich des Hundes zunächst gar nicht mit sich reden. Dass gestern der andere Wirt die Erlaubnis gegeben hat, quittiert er mit einem Schulterzucken. Wenn ich müde und hungrig und durstig bin, dann bin ich nicht besonders duldsam. Offenbar sieht das auch der Wirt und endlich dürfen wir mit Laki in den Nebenraum. Der Hund kringelt sich sogleich unter der Bank zusammen und wir erhalten Guinness, Craftbeer, Stew. Alles ausnahmslos lecker. Beim Bezahlen lobt dann der Wirt unseren Hund, meint aber gleichzeitig, dass er selbst zwei Hunde habe, aber niemals auf die Idee kommen würde, die mit in seinen Pub zu nehmen. In der Tat ist es in Irland völlig unüblich, einen Hund irgendwo hin mit zu nehmen, wie wir in den kommenden Wochen noch mehrfach erfahren.

Mit der nötigen Bettschwere gehen wir die paar Hundert Meter zum Campingplatz. Es fängt wieder an zu regnen, es schüttet, es hagelt. Ein Radrennen quert unsere Strecke, die Streckenposten sorgen in dem Wolkenbruch dafür, dass es keine Unfälle gibt. Kinder sind darunter. Die Radfahrer fahren ungerührt weiter. Wir merken, das Wetter in Irland, das ist eine Sache für sich.

Am nächsten Morgen dusche ich und versuche anschließend mit einer der verbleibenden Duschmarken einen Eimer mit heißem Wasser zu füllen, damit ich endlich Lakis Decke mit Erbrochenem säubern kann. Ich habe im Auto nämlich eine Camperwaschmaschine, was nichts anderes ist, als eine alte Plastiktrommel mit dicht schließendem Deckel. Dahinein kommen die Schmutzwäsche, warmes Wasser und das Waschmittel. Deckel drauf und losgefahren. Das Geholpere und die Kurverei ersetzen die Trommeldrehungen und am neuen Platz wird die Wäsche mit klarem Wasser gespült und aufgehängt (wenn es nicht gerade regnet, was in Irland nicht selbstverständlich ist). Leider ertappt mich die Besitzerin des Platzes dabei und ich finde mich in einer verzweifelten Diskussion wieder. Was soll ich machen? An diesem Campingplatz gibt es warmes Wasser wirklich nur ausschließlich in den Duschen. Doch dann merkt die Frau, dass ich tatsächlich nur Wasser abgefüllt habe und die Schmutzwäsche nicht in der Dusche gewaschen habe und lässt mich.

Wir packen alles ein, und weiter geht es.

Wales

Wir überqueren den Severn über eine riesige Brücke, der Fluss darunter erinnert mich in seiner Breite an die Girondemündung, er ist ein wenig wie ein eigener Meeresarm. So wie wir jedoch festen Boden unter den Rädern haben, zeigen Schilder durch Zweisprachigkeit, dass wir uns nun in Wales befinden, außer Englisch wird hier gleichberechtigt auch Walisisch gesprochen. Ansonsten ändert sich zunächst wenig, doch nach und nach wird es ländlicher, die Bewaldung nimmt zu und vor allem die Rhododrendronbüsche blühen allerorten, in allen verfügbaren Farben, innerhalb und außerhalb von Gärten. Es ist, als sei der Rhododendron die heimliche Symbolpflanze von Wales. Die Route führt uns entlang lieblicher kleiner Flussläufe, über kahle Höhenzüge und durch kleine Dörfer und Städtchen. Einmal halten wir an, da wir Laki Auslauf geben wollen, aber auch, weil wir eine Kleinigkeit aus dem Kühlschrank essen und uns anhand der Karte für einen Platz für die Nacht entscheiden wollen. Viele Campingplatze haben hier noch nicht offen oder sie akzeptieren keine Hunde, da ist die Auswahl nicht so groß. Unsere Wahl fällt auf einin Platz einige Kilometer vor Caernarfon, von dem aus der Mount Snowdon und der umliegende Nationalpark leicht erreicht werden können. Er liegt an einer kleinen Straße, mal rechts und mal links begleitet von einer Schmalspureisenbahn. Auf dem Hof ist kein Campingplatz erkennbar, es gibt lediglich einige Garagen und technische Gebäude. Wir klingeln, es kommt eine rotbrünette Dame mittleren Alters und erkennbar schlechter Laune heraus, die nicht nur innerlich giftet, weil wir so spät kommen und sie schon keine Lust mehr hat, jetzt abends um fünf neue Gäste aufzunehmen. Wir fragen dennoch dies und das und allmählich kehrt ihre Professionalität zurück uns sie erklärt uns, wie der Platz funktioniert und wie wir in den Genuss der Sehenswürdigkeiten in der Umgebung kommen. Von ihr lerne ich auch, dass Caernarfon so ähnlich ausgesprochen wird wie CERNOOFEN. Muss walisisch sein, oder so. Wir begleichen sogleich unsere Rechnung für die nächsten Tage, damit wir ihr nicht nochmal auf die Nerven gehen müssen.
Um auf den Platz zu kommen, müssen wir über eine winzige Brücke, die über die Schmalspurschienen führt. Unser zugeteilter Platz liegt auf Rasen, wir sind weit und breit die einzigen Nutzer, doch Strom ist gleich daneben, eine Wasserstelle gibt es auch, am nahen Horizont erstreckt sich eine beeindruckende kahle Bergkette, in Spuckweite plätschert ein idyllischer kleiner Wasserlauf. Herr W. kocht das Abendessen, ich erkunde mit Laki den Platz und die Umgebung. Die Architekten von „Mein wundschöner naturnaher Garten“ wären überfordert gewesen, wenn sie dergleichen hätten realisieren sollen. Das Gras ist unbeschreiblich grün und gleichmäßig, das Wasser des Bächleins sprudelt glasklar, selbst die Steine auf seinem Grund liegen perfekt zufällig angeordnet. An der Weide hängt im letzten Abendsonnenschein eine Brettschaukel an langen Hanfseilen, Trollblumen leuchten dottergelb im Schatten. Es IST perfekt.

Am nächsten Morgen, nach einer bitterkalten Nacht, genehmigen Laki und ich uns ein ausführlicheres Gassi und stellen dabei fest, das das Bächlein zu einem ganzen System gehört, dass auf der anderen Seite die Schafweiden beginnen, aber auch, dass es auf dem Campingplatz ganze riesige Bereiche voller gesplitteter Parzellen gibt, die alle mit einförmigen parallel stehenden Wohnwägen vollgestellt sind. Da sind wir doch über unseren Rasenplatz weit ab vom Schuss froh.
Wir wollen das Areal um den Mount Snowden erkunden und fahren dafür nach Llanberis. Gleich am Ortseingang gibt es einen großen Parkplatz, wo unser Wohnmobil gut steht, während wir wandern. Der Ort selbst ist touristisch gut erschlossen, besonders die vielen Läden für Bergsteigerausrüstung fallen auf. Es gibt einige Cafes und Pubs, die heben wir uns für später auf. Erst geht es zur Zahnradbahnstation. Man kann auf den Mount Snowden alpin steigen, diese Routen gelten als sehr anspruchsvoll. Es gibt aber auch Wanderwege, die ein Stück in die Höhe führen und es gibt die Zahnradbahn, wo sowohl Bahnen mit Dampf als auch welche mit Dieselbetrieb fahren. Wir erkundigen uns, erkennen aber gleich, dass das für uns nichts ist, denn es werden keine Hunde mitgenommen, nur Blinden- und Assistenzhunde. Und Laki ist zwar prima, aber so weit ist sie nun doch nicht. Bleibt also nur das Wandern. Wir finden einen Einstieg, der uns erst auf einer Straße durch die Siedlung von Llanberis führt. Uns fällt auf, dass vor vielen der kleinen Häuser sogenannte „Gärten des Grauens“ angelegt sind, entweder Kiesflächen voll mit Müll, oder welche mit einer unsäglichen Horde von Gartenszwergen und anderem keramischem Kitsch. Offenbar leiden bei einigen Menschen die gärtnerischen Ambitionen, je großartiger die Natur ringsum ist. Nach einem Viehgitter sind wir am Berg. Um uns herum öffnet sich das Land, auf Schotterwegen kommen wir durch viel Weideland. Wir steigen über Viehzäune, hüpfen über Bäche, überqueren einmal die Schienen der Zahnradbahn. Wenn Schafe in der Nähe sind, zur Zeit sind es auch viele niedliche Jungtiere, muss Laki an die Leine, sonst läuft sie frei. Immer enger wird das Tal, wir kommen an einigen aufgegebenen Höfen vorbei, bis wir endlich an einem Tor stehen, das zu Privatbesitz gehört. Da kehren wir um.

Die Sonne steht hoch, allmählich werden wir durstig. Da sehen wir unweit etwas im Gras brennen. Auch auf der anderen Wegseite steigt eine Rauchsäule hoch. Wir schauen nach, und tatsächlich, das Gras brennt. Was tun? Austrampeln hilft fürs Erste, aber ob das sicher ist? Wasser muss her, aber hier gibt es keines. Mutig wie wir sind, ziehen wir nacheinander blank und löschen das gefährliche Feuer allein durch die Kraft unseres Urinstrahls. Welch ein Hochgefühl! Rückwirkend ist uns natürlich klar, dass das Feuer bei der Gesamtfeuchtigkeit auch so irgendwann ausgegangen wäre, und dass es hier entlang der Dampfbahn durch herabfallende Kohlestückchen ständig brennen muss. Trotzdem – wer kann schon von sich behaupten, dass er an einem walisischen Berg ein Feuer ausgepinkelt hat? Wir schon!
Zurück in Llanberis stellen wir fest, dass alle Cafes geschlossen haben und dass der Pub keine Hunde duldet. Da bleibt uns nur das Fish-and-Chips-Schnellrestaurant. Laki darf mit rein, wir haben einen Tisch für uns, die Portion ist riesig und wirklich günstig und total lecker. Ich komme mit einer jungen Mutter am Nachbartisch ins Gespräch und wieder verstehen wir uns auf Anhieb. Laki ist der Star des Lokals und wird von allen Anwesenden mit viel Lob bedacht.

Da wir noch einkaufen wollen, fahren wir die paar Kilometer nach Caernarfon. Die kleinen Geschäfte haben zwar schon zu, aber wir laufen um die riesige Burganlage herum, entlang des aufgrund der Ebbe fast leeren Flusslaufs mit seinen im Schlick liegenden Booten, entlang der Mündung. Die Sonne scheint, überall wehen Fahnen mit den roten walisischen Drachen und die Stimmung ist wunderschön.

Allein, wir finden keinen Supermarkt. Als wir schon aufgeben wollen, entdecken wir einen riesigen Morrissons-Markt, der alles hat, was das Herz begehrt. Mit aufgestockten Vorräten geht es zurück zum Campingplatz, denn morgen wollen wir nach Irland aufbrechen.
Dafür muss man über zwei Inseln, zuerst über eine enge Meeresstraße nach Anglesay und von dort aus auf die Insel Holyhead. Als wir in Holyhead ankommen, schüttet es wie aus Kübeln. Der Zugang zur Fähre ist weitaus unspektakulärer als der in Calais. Herr W. bleibt im Auto und ich laufe mit übergezogener Kapuze nach vorne, um herauszufinden, wo es die Tickets gibt. Kein Schild, nichts hilft. Ich frage einige Motorradfahrer, die ungerührt im Regen neben ihren Fahrzeugen ausharren. Ich muss nach drüben, über die Spuren der ankommenden Fahrzeuge, dort gibt es einen Terminal. Drinnen sind eine Menge Sitzschalen aus undefinierbarem rosa Plastik, hinter einigen Holzschaltern warten Mitarbeiter. Ich bekomme ein paar Fragen zum Fahrzeug gestellt – vom Hund will der Mann im Gegensatz zu dem in Calais überhaupt nichts wissen – zahle mit Kreditkarte und erhalte ein formloses Ticket. Damit eile ich zurück zur Schlange der wartenden Autos. Es regnet immer noch, bis zur Abfahrt ist es noch eine Stunde. Da Laki danach mindestens zwei Stunden allein im Fahrzeug bleiben muss, gehe ich mit ihr nochmal raus. Viele Möglichkeiten gibt es nicht, ich laufe im Wesentlichen die Schlange der wartenden Autos rauf und runter. Ein junger Mann schickt mich weg, denn dort vorne seien seine Mitarbeiter mit einem „dog on work“, der solle nicht von meiner Laki abgelenkt werden. Ich bin versucht, gerade nun mich weiterhin hier rumzutreiben, einfach nur um zu gucken, was passiert, wenn Laki solch einen Arbeitshund ein bisschen aufmischt, doch dann füge ich mich und nehme Laki mit ins Auto.
Endlich werden wir herangewunken und reihen uns ein in die Schlange derer, die aufs Schiff fahren. Zu unserer Überraschung wird genau bei uns ein neues Deck angefahren und wir kommen als einzige GANZ vor. Herr W. traut sich erst gar nicht, sich mittig vorne hin zu stellen, da ermuntert ihn der blonde Mann in der gelben Jacke in bestem Deutsch, er soll mal ruhig nicht so zurückhaltend sein, es sei schon richtig, ganz nach vorne solle er. Das tun wir dann auch. Dieses Mal überprüfen wir Laki und das Auto noch viel sorgfältiger. Halsband, Haltüchlein, alles kommt sicher weg, wieder gehen wir unauffällig raus und begeben uns nach oben.

Diese Fähre ist noch luxuriöser als die erste. Chrom, poliertes Holz, Intarsien, Glas in allen Farben; das ist nicht nur eine Lounge, sondern das Foyer eines Luxushotels. Während Herr W. die Fahrt der letzten Stunden sacken lässt, gehe ich auf dem Schiff umher und sehe mich um. Im Laden kann wieder mit Euro bezahlt werden, was ich sogleich ausprobiere, es gibt mehrere Restaurants, einen Kinderspielbereich, eine Spielhölle mit einarmigen Banditen, die stets alle belegt sind, lange Flure mit Teppichbelag. Erst gegen Abend laufen wir in den engen Hafen Dublins ein, es ertönt die Ansage, dass die Fahrzeugbesitzer zu ihren Autos zurück dürfen. Wir sind gespannt, aber dieses Mal scheint Laki trotz der langen Zeit allein keinen Unfug getrieben zu haben. Vielleicht hat der nette blonde Mann mit der gelben Weste sie ja auf deutsch beruhigt.

Südengland

Bei der Überfahrt muss Laki im Auto bleiben. Wir haben einen Platz an der Seite des Laderaums bekommen, ziemlich weit vorne im Unterdeck, neben uns mehrere Laster. Beim Aussteigen aus dem Auto bemühen wir uns, möglichst wenig Aufhebens zu machen und gehen so beiläufig wie möglich einfach raus, sperren ab und steigen die Treppen zu den oberen Decks der Fähre hoch. Es gibt oben mehrere Aufenthaltsebenen, die oberste der Luxusklasse – ja, auch auf Fähren sind die Passagiere in Klassen aufgeteilt – aber die darunter ist für einfache Leute wie uns. Wir ergattern einen Platz an einem Tisch fast vorne, wo wir sowohl nach vorne als auch zur Seite Fenster haben. Überall Teppichboden und Glanz und Chrom. Es hätte auch ein Casino sein können. Beherrscht wird der Raum von einer runden großen Bar und viele der Passagiere nutzen sofort die Möglichkeit, hier englische Speisen und vor allem Getränke zu bekommen. Wir verzichten vorerst, da sich unser Vermögen in Englischen Pfund auf gerade mal sechseinhalb Pfund und fünfzehn Pennies beschränkt, welche ich noch zu Hause in der Schublade gefunden habe. Die riesige Klappe zum Unterdeck schließt sich, die Motorgeräusche werden lauter und wir legen wegen des Winds mit einiger Verspätung ab. Frankreich entschwindet nach hinten und vor uns öffnet sich der Kanal. Als wellengangerprobte Hurtigrutenfahrer nehmen wir die Dünung kaum war, aber am Nebentisch gibt eine Frau unter der fürsorglichen Anteilnahme ihres Mannes alles von sich, was sie in sich hat. Nach einiger Zeit zeigt sich am Horizont vor uns eine weiße Linie und beim Näherkommen erkennen wir durch die getönte Scheibe die Kreidefelsen Dovers.

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Endlich ertönt per Lautsprecher die Aufforderung, dass die Autofahrer zu ihren Fahrzeugen zurückkehren sollen. Unten im Laderaum ist es laut und warm, Neonröhren erhellen die Szenerie. Laki freut sich ein Loch in den Bauch, als wir ins Auto zurück kommen. Sie war jetzt gut eineinhalb Stunden allein, das ist für sie eigentlich keine besondere Leistung, in Pompeij hat sie viel länger auf uns warten müssen. Die eigentliche Ausfahrt dauert dann noch einmal einige Zeit, da die Passagiere der ersten Klasse nicht nur einen tolleren Aufenthaltsraum erhalten, sondern auch bevorzugte Ausfahrt. Die Fährlinien wissen, wie man Geld machen kann. Dann kommen Fahrräder, PKW, zuletzt Kleinlaster, Wohnmobile und LKW. Endlich rollen wir auf britischen Boden. LINKS FAHREN heißt ab jetzt unser Mantra, das wir uns vor jedem Start vorbeten. Das ist eigentlich nicht schwierig, aber bei jedem Kreisel – und davon gibt es hier sehr, sehr viele – und vor allem auf vierspurigen Straßen gerate ich immer wieder durcheinander, obwohl ich im Moment nur die Beifahrerin bin. Dass auf der Autobahn uns ein Fahrzeug rechts überholt, kann ich kaum verkraften. An einem Rastplatz halten wir schon nach kurzer Zeit an, da ich Laki die Gelegenheit geben möchte, sich zu entleeren. Neben uns ist ein englischer PKW, die älteren Leute sind aufgelöst, hat doch der Junior sich während der Fahrt übergeben und die Rückbank und den Fußraum und alles, was dort lag mit seinem Mageninhalt bedacht. Wir bieten ihnen unsere Küchenrolle an, doch sie meinen, sie kämen zurecht. Ich bin von mir begeistert, wie souverän ich dieses erste Gespräch mit „den Einheimischen“ hier bewältigt habe. Als die Leute weiterfahren, liegt neben dem Mülleimer der völlig verschmutzte Kindersitz. So kann man es auch machen. Laki nutzt ihren ersten Spaziergang auf englischem Boden, um Unmassen von Gras hektisch in sich reinzuwürgen. Eigentlich hätte ich da schon stutzig werden müssen. Doch in meinem Unverstand serviere ich ihr noch gleich ihr Abendessen, Fisch gibt es heute. Wir fahren weiter und kurz danach ertönen hinter uns die Würgegeräusche, die jeden Hundehalter auffahren lassen: Laki hat Gras, Fisch und alle Magensäfte in einem Schwall auf den Hundeteppich erbrochen. Darin komische rote Stofffetzen. Wie ich später erkenne, hat sie in ihrem Stress auf der Fähre ihr putziges rotes Halstüchlein, welches wir ihr im Herbst in Agrigent gekauft hatten, zur Hälfte aufgefressen. Also halten wir nochmal an, schütteln das Hundekissen aus, nötigen Laki zu einem weiteren Spaziergang, packen den Hundeteppich in einen der bewährten Swirl-Müllbeutel und fahren wieder weiter. Unser Ziel ist es, London südlich zu umfahren und erst dahinter einen Rastplatz zu finden. Unsere Wahl fällt auf einen kleinen Platz namens Morn Hill, nur wenig vor Winchester. Kurz vor 20 Uhr kommen wir an, erhalten den vorletzten freien Platz und bereiten ein Abendessen aus den Vorräten. Laki erhält eine symbolische Miniportion, bis ihre Verdauung wieder normal ist. Am nächsten Morgen gehe ich mit ihr auf den Hundespazierplatz, der Teil des Campingplatzes ist, und wir treffen eine Frau meines Alters mit ihrem Dackel. Frauchen und Hunde mögen einander und wieder stelle ich mit Genugtuunng fest, dass mein Englisch, das nun wirklich nicht das Beste ist, hier im Süden hervorragend verstanden wird, dass mir die Wörter aus dem Unbewussten nur so zufliegen und dass ich tatsächlich in der fremden Sprache kommunizieren kann fast wie in meiner eigenen. Gespräche beginnen hier IMMER mit dem Wetter, das entweder großartig ist – Engländer und vor allem Iren merken das an mit einem Stolz, als hätten sie dieses großartige Wetter eigenhändig hervorgebracht – oder es ist ziemlich schlecht/kalt/beides, woraufhin mit großer Zuversicht auf das demnächst bessere Wetter verwiesen wird. In unserem Fall geht es dann weiter über unseren Hund, der in der Regel als „wellbehaved“ gelobt wird. Dann entscheidet sich, ob mehr Themen angeschnitten werden. Meistens nicht, aber wenn, dann erfährt man wirklich eine Menge, kann auch Fragen stellen und bekommt seinerseits Fragen gestellt. Wenn wir mit Stellplatznachbarn in ein auch nur oberflächliches Gespräch kommen, werden wir bei der Abreise verabschiedet, als würden wir uns als die weltbesten Freunde trennen. Gewöhnungsbedürftig, das alles, aber wenn man sich drauf eingestellt hat, funktioniert es.
Wir wollen uns Winchester ansehen, es gibt hier eine Kathedrale, die in den Reiseführern gelobt wird. Doch zu meinem Entzücken ist hier auch Trödelmarkt! Wir gehen gemeinsam die Hauptstraße hoch, es wird viel altes Zeug angeboten, Händler aus der Umgebung stellen aber auch Antiquitäten raus. Herr W. sitzt auf einem Sessel Probe. Dieser Mann passt in jeder Hinsicht hervorragend in das gute Stück und der Händler wittert seine Chance. Er würde den Sessel auch auf den Kontinent liefern. Wir lehnen ab. Denn der geforderte Preis entspricht auch ohne die versprochene Lieferung in keinster Weise der Qualität.

Die gotische Kathedrale steht inmitten eines typisch englischen Friedhofs gleich neben der Hauptstraße. Schon hier ist das Gras deutlich grüner und saftiger als in Deutschland, sind die Pflanzen größer und kräftiger und die Bäume höher und stärker. Laki wartet widerwillig am Zaun und wir gehen hinein. Da Sonntag ist, ist der Besuch kostenlos. Beim Hineingehen nimmt es mir fast den Atem. Die Orgel spielt noch, da der Gottesdienst gerade geendet hat, die hohen Räume, die überreichen Verzierungen, der Duft der Lilien, all das übt eine Wirkung auf mich aus, der ich mich kaum entziehen kann. Wie benommen schreite ich nach vorne. Erst da fallen mir die Fliesen auf, sie sind quadratisch, rot-beige bemalt, sehr alt und ihre Muster ändern sich alle paar Meter. Im hinteren Teil gibt es eine kleine Plakette, die dem Taucher William the Diver gewidmet ist, der um die Jahrhundertwende jahrzehntelang unter dieser Kirche die mit Moorwasser volllaufenden Hohlräume in einem alten Taucheranzug erkundet und Stück für Stück mit Betonsäcken unterfüttert hat. Wenn sie gedurft hätten, hätten die Einwohner hier ihn ganz gewiss heiliggesprochen.

Auf dem Rückweg zum Auto kommen wir an einem Straßenmusiker vorbei, der neben sich eine programmierbare Puppe am Schlagzeug hat und vor sich einen kleinen elektronisch gesteuerten Hund vor dem Hut fürs Trinkgeld. Er selbst spielt Gitarre und die Musik ist wirklich gut. Das Besondere ist, dass sowohl der Schlagzeuger als auch der schwanzwedelnde Hund mit Leuchten versehene Skelette sind. Britischer Humor eben.

Ich hebe eine kleine Menge Britischer Pfund von meinem Konto ab, damit wir zumindest kleine Beträge begleichen können, größere Summen wie Campingplatzgebühren und Benzinkosten lassen sich hier sowieso leicht mit Kreditkarte begleichen. Mit Hilfe von Google finden wir einen Supermarkt, der auch heute am Sonntag offen hat. Das Angebot ist gut, leider gibt es keine lactosefreien Produkte, worauf ich angewiesen bin, aber ich habe noch einige Vorräte im Auto. Aber erste Eindrücke sind: Es gibt viel vorfabriziertes Essen, an Süßigkeiten herrscht kein Mangel, Fleisch ist fast unanständig billig, Bier und anderer Alkohol dagegen unverhältnismäßig teuer, das günstigste Bier kommt aus Italien!!!! Viele der einkaufenden Leute im Laden sind übergewichtig und ernähren sich offenbar recht ungesund, es gibt hier eine breite erkennbare Unterschicht. Wir kaufen ein fürs nächste Abendessen, beladen das Auto und fahren weiter in Richtung Salisbury.

Dort ergattern wir mit einem kleinen Trick einen Parkplatz mitten im Stadtzentrum und unterhalten uns kurz mit den dort an zwei Bänken lagernden Obdachlosen. Das passiert uns auf den Reisen immer wieder. Denn die Obdachlosen haben in der Regel Hunde, meist sogar recht gut erzogene. Da haben wir mit Laki immer ein Thema und vor allem Herr W. hat immer schnell einen Draht zu ihnen. Dabei erfährt man häufig ganz interessante Dinge, hier stellt sich beispielsweise heraus, dass zwei der Obdachlosen etwas zurückliegend deutsche Wurzeln haben.

Aber eigentlich wollen wir zur Kathedrale. Sowohl ich als auch Herr W. waren vor vielen Jahren schon mal dort, aber ich mag es, alten Erinnerungen neue Erfahrungen entgegenzusetzen und die alten Erinnerungen gegebenenfalls zu revidieren. Wieder liegt die wundervolle Kirche mitten im Grünen, leider kostet sie Eintritt. Doch der Zutritt zum Kreuzgang ist frei. Von dort gelangt man in einen lichtdurchfluteten achteckigen wunderschön verzierten hohen Raum. Erst ist uns gar nicht ganz klar, was das für ein Raum ist. Ringsum ist ein Fries mit alttestamentarischen Geschichten, die Decke ist kunstvoll als Rippengewölbe gestaltet, die Fenster sind hell und mit Mustern übersät, der Fußboden wieder mit bemalten rotbraunen Fliesen belegt. Interessant ist ein Zelt in der Mitte des Raumes, beim Ein- und beim Ausgang jeweils bewacht von einer Dame im amtlichen Kostüm. Wir stellen uns an, eigentlich ohne zu wissen, warum. Drinnen ist hinter einer Glasscheibe, angestrahlt von speziellen Scheinwerfern ein Originalexemplar der Magna Carta. Ich bin fassungslos. Die Wärterin neben mir meint freundlich, ich solle nur gucken, nicht fotografieren, das sei dem Papier nicht förderlich, Fotos könne ich draußen von der Kopie machen, was ich dann auch tue.

Die Magna Carta. Man hat uns in der Schule damit gequält und so wirklich habe ich damals im pubertären Alter nicht kapiert, was sie bedeutet. Heute erscheint sie auch mir als ein Meilenstein der historisch-politischen Entwicklung des Abendlands. Sie schränkt verbindlich die Willkür des Herrschers ein und bindet auch ihn an Rechte und Gesetze. Bis zur Idee von der Gleichheit alleer vor dem Gesetz ist es zwar noch ein weiter Weg, aber eine Sensation dürfte sie damals und für lange Zeit allemal gewesen sein.

Wir fahren weiter Richtung Stonehenge. Auch hier sind sowohl Herr W. als auch ich schon vor langer Zeit gewesen. Doch heute ist die gesamte Anlage touristisch voll erschlossen: ein großer kostenloser Parkplatz liegt vor dem riesigen Besucherzentrum, wo ein für uns unverhältnismäßig hohes Eintrittsgeld erhoben wird, der Steinkreis ist verborgen hinter hohen Mauern. Herr W. und ich sind uns einig, wir erhalten uns jeweils unsere Erinnerungen aus der Vergangenheit und verzichten.

Gleich ein paar Meilen weiter ist ein hübscher Campingplatz, und bei zunehmend besser werdendem Wetter checken wir ein. Unsere Essenvorräte können wir aufheben, da heute Lesley auf einer riesigen von unten mit Holzkohle beheizten Platte kocht. Dabei hat sie vieles vorbereitet und breitet dieses mit einem Spatel rasch auf der Platte aus, schiebt es wieder zusammen, wendet und gibt es auf unsere mitgebrachten Teller. Es kostet pro Person 10 Pfund, das Geld spendet sie für ihre Arbeit mit Flüchtlingen. Das Essen ist würzig, teils vegan oder vegetarisch, deutlich asiatisch inspiriert und sehr lecker. Später kommen wir mit Lesley ins Gespräch und lernen dabei eine kluge, weltoffene, hilfsbereite und sehr warmherzige Frau kennen.

Müde fallen wir ins Bett. Am nächsten Morgen unternehme ich mit Laki einen langen Spaziergang durch die typisch südenglische Landschaft hinter dem Campingplatz. Fasane, Kühe, und Schwäne fordern Laki heraus. Was bin ich froh, dass sie so gut folgt. Endlich normalisiert sich auch ihre Verdauung.

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