Wales

Wir überqueren den Severn über eine riesige Brücke, der Fluss darunter erinnert mich in seiner Breite an die Girondemündung, er ist ein wenig wie ein eigener Meeresarm. So wie wir jedoch festen Boden unter den Rädern haben, zeigen Schilder durch Zweisprachigkeit, dass wir uns nun in Wales befinden, außer Englisch wird hier gleichberechtigt auch Walisisch gesprochen. Ansonsten ändert sich zunächst wenig, doch nach und nach wird es ländlicher, die Bewaldung nimmt zu und vor allem die Rhododrendronbüsche blühen allerorten, in allen verfügbaren Farben, innerhalb und außerhalb von Gärten. Es ist, als sei der Rhododendron die heimliche Symbolpflanze von Wales. Die Route führt uns entlang lieblicher kleiner Flussläufe, über kahle Höhenzüge und durch kleine Dörfer und Städtchen. Einmal halten wir an, da wir Laki Auslauf geben wollen, aber auch, weil wir eine Kleinigkeit aus dem Kühlschrank essen und uns anhand der Karte für einen Platz für die Nacht entscheiden wollen. Viele Campingplatze haben hier noch nicht offen oder sie akzeptieren keine Hunde, da ist die Auswahl nicht so groß. Unsere Wahl fällt auf einin Platz einige Kilometer vor Caernarfon, von dem aus der Mount Snowdon und der umliegende Nationalpark leicht erreicht werden können. Er liegt an einer kleinen Straße, mal rechts und mal links begleitet von einer Schmalspureisenbahn. Auf dem Hof ist kein Campingplatz erkennbar, es gibt lediglich einige Garagen und technische Gebäude. Wir klingeln, es kommt eine rotbrünette Dame mittleren Alters und erkennbar schlechter Laune heraus, die nicht nur innerlich giftet, weil wir so spät kommen und sie schon keine Lust mehr hat, jetzt abends um fünf neue Gäste aufzunehmen. Wir fragen dennoch dies und das und allmählich kehrt ihre Professionalität zurück uns sie erklärt uns, wie der Platz funktioniert und wie wir in den Genuss der Sehenswürdigkeiten in der Umgebung kommen. Von ihr lerne ich auch, dass Caernarfon so ähnlich ausgesprochen wird wie CERNOOFEN. Muss walisisch sein, oder so. Wir begleichen sogleich unsere Rechnung für die nächsten Tage, damit wir ihr nicht nochmal auf die Nerven gehen müssen.
Um auf den Platz zu kommen, müssen wir über eine winzige Brücke, die über die Schmalspurschienen führt. Unser zugeteilter Platz liegt auf Rasen, wir sind weit und breit die einzigen Nutzer, doch Strom ist gleich daneben, eine Wasserstelle gibt es auch, am nahen Horizont erstreckt sich eine beeindruckende kahle Bergkette, in Spuckweite plätschert ein idyllischer kleiner Wasserlauf. Herr W. kocht das Abendessen, ich erkunde mit Laki den Platz und die Umgebung. Die Architekten von „Mein wundschöner naturnaher Garten“ wären überfordert gewesen, wenn sie dergleichen hätten realisieren sollen. Das Gras ist unbeschreiblich grün und gleichmäßig, das Wasser des Bächleins sprudelt glasklar, selbst die Steine auf seinem Grund liegen perfekt zufällig angeordnet. An der Weide hängt im letzten Abendsonnenschein eine Brettschaukel an langen Hanfseilen, Trollblumen leuchten dottergelb im Schatten. Es IST perfekt.

Am nächsten Morgen, nach einer bitterkalten Nacht, genehmigen Laki und ich uns ein ausführlicheres Gassi und stellen dabei fest, das das Bächlein zu einem ganzen System gehört, dass auf der anderen Seite die Schafweiden beginnen, aber auch, dass es auf dem Campingplatz ganze riesige Bereiche voller gesplitteter Parzellen gibt, die alle mit einförmigen parallel stehenden Wohnwägen vollgestellt sind. Da sind wir doch über unseren Rasenplatz weit ab vom Schuss froh.
Wir wollen das Areal um den Mount Snowden erkunden und fahren dafür nach Llanberis. Gleich am Ortseingang gibt es einen großen Parkplatz, wo unser Wohnmobil gut steht, während wir wandern. Der Ort selbst ist touristisch gut erschlossen, besonders die vielen Läden für Bergsteigerausrüstung fallen auf. Es gibt einige Cafes und Pubs, die heben wir uns für später auf. Erst geht es zur Zahnradbahnstation. Man kann auf den Mount Snowden alpin steigen, diese Routen gelten als sehr anspruchsvoll. Es gibt aber auch Wanderwege, die ein Stück in die Höhe führen und es gibt die Zahnradbahn, wo sowohl Bahnen mit Dampf als auch welche mit Dieselbetrieb fahren. Wir erkundigen uns, erkennen aber gleich, dass das für uns nichts ist, denn es werden keine Hunde mitgenommen, nur Blinden- und Assistenzhunde. Und Laki ist zwar prima, aber so weit ist sie nun doch nicht. Bleibt also nur das Wandern. Wir finden einen Einstieg, der uns erst auf einer Straße durch die Siedlung von Llanberis führt. Uns fällt auf, dass vor vielen der kleinen Häuser sogenannte „Gärten des Grauens“ angelegt sind, entweder Kiesflächen voll mit Müll, oder welche mit einer unsäglichen Horde von Gartenszwergen und anderem keramischem Kitsch. Offenbar leiden bei einigen Menschen die gärtnerischen Ambitionen, je großartiger die Natur ringsum ist. Nach einem Viehgitter sind wir am Berg. Um uns herum öffnet sich das Land, auf Schotterwegen kommen wir durch viel Weideland. Wir steigen über Viehzäune, hüpfen über Bäche, überqueren einmal die Schienen der Zahnradbahn. Wenn Schafe in der Nähe sind, zur Zeit sind es auch viele niedliche Jungtiere, muss Laki an die Leine, sonst läuft sie frei. Immer enger wird das Tal, wir kommen an einigen aufgegebenen Höfen vorbei, bis wir endlich an einem Tor stehen, das zu Privatbesitz gehört. Da kehren wir um.

Die Sonne steht hoch, allmählich werden wir durstig. Da sehen wir unweit etwas im Gras brennen. Auch auf der anderen Wegseite steigt eine Rauchsäule hoch. Wir schauen nach, und tatsächlich, das Gras brennt. Was tun? Austrampeln hilft fürs Erste, aber ob das sicher ist? Wasser muss her, aber hier gibt es keines. Mutig wie wir sind, ziehen wir nacheinander blank und löschen das gefährliche Feuer allein durch die Kraft unseres Urinstrahls. Welch ein Hochgefühl! Rückwirkend ist uns natürlich klar, dass das Feuer bei der Gesamtfeuchtigkeit auch so irgendwann ausgegangen wäre, und dass es hier entlang der Dampfbahn durch herabfallende Kohlestückchen ständig brennen muss. Trotzdem – wer kann schon von sich behaupten, dass er an einem walisischen Berg ein Feuer ausgepinkelt hat? Wir schon!
Zurück in Llanberis stellen wir fest, dass alle Cafes geschlossen haben und dass der Pub keine Hunde duldet. Da bleibt uns nur das Fish-and-Chips-Schnellrestaurant. Laki darf mit rein, wir haben einen Tisch für uns, die Portion ist riesig und wirklich günstig und total lecker. Ich komme mit einer jungen Mutter am Nachbartisch ins Gespräch und wieder verstehen wir uns auf Anhieb. Laki ist der Star des Lokals und wird von allen Anwesenden mit viel Lob bedacht.

Da wir noch einkaufen wollen, fahren wir die paar Kilometer nach Caernarfon. Die kleinen Geschäfte haben zwar schon zu, aber wir laufen um die riesige Burganlage herum, entlang des aufgrund der Ebbe fast leeren Flusslaufs mit seinen im Schlick liegenden Booten, entlang der Mündung. Die Sonne scheint, überall wehen Fahnen mit den roten walisischen Drachen und die Stimmung ist wunderschön.

Allein, wir finden keinen Supermarkt. Als wir schon aufgeben wollen, entdecken wir einen riesigen Morrissons-Markt, der alles hat, was das Herz begehrt. Mit aufgestockten Vorräten geht es zurück zum Campingplatz, denn morgen wollen wir nach Irland aufbrechen.
Dafür muss man über zwei Inseln, zuerst über eine enge Meeresstraße nach Anglesay und von dort aus auf die Insel Holyhead. Als wir in Holyhead ankommen, schüttet es wie aus Kübeln. Der Zugang zur Fähre ist weitaus unspektakulärer als der in Calais. Herr W. bleibt im Auto und ich laufe mit übergezogener Kapuze nach vorne, um herauszufinden, wo es die Tickets gibt. Kein Schild, nichts hilft. Ich frage einige Motorradfahrer, die ungerührt im Regen neben ihren Fahrzeugen ausharren. Ich muss nach drüben, über die Spuren der ankommenden Fahrzeuge, dort gibt es einen Terminal. Drinnen sind eine Menge Sitzschalen aus undefinierbarem rosa Plastik, hinter einigen Holzschaltern warten Mitarbeiter. Ich bekomme ein paar Fragen zum Fahrzeug gestellt – vom Hund will der Mann im Gegensatz zu dem in Calais überhaupt nichts wissen – zahle mit Kreditkarte und erhalte ein formloses Ticket. Damit eile ich zurück zur Schlange der wartenden Autos. Es regnet immer noch, bis zur Abfahrt ist es noch eine Stunde. Da Laki danach mindestens zwei Stunden allein im Fahrzeug bleiben muss, gehe ich mit ihr nochmal raus. Viele Möglichkeiten gibt es nicht, ich laufe im Wesentlichen die Schlange der wartenden Autos rauf und runter. Ein junger Mann schickt mich weg, denn dort vorne seien seine Mitarbeiter mit einem „dog on work“, der solle nicht von meiner Laki abgelenkt werden. Ich bin versucht, gerade nun mich weiterhin hier rumzutreiben, einfach nur um zu gucken, was passiert, wenn Laki solch einen Arbeitshund ein bisschen aufmischt, doch dann füge ich mich und nehme Laki mit ins Auto.
Endlich werden wir herangewunken und reihen uns ein in die Schlange derer, die aufs Schiff fahren. Zu unserer Überraschung wird genau bei uns ein neues Deck angefahren und wir kommen als einzige GANZ vor. Herr W. traut sich erst gar nicht, sich mittig vorne hin zu stellen, da ermuntert ihn der blonde Mann in der gelben Jacke in bestem Deutsch, er soll mal ruhig nicht so zurückhaltend sein, es sei schon richtig, ganz nach vorne solle er. Das tun wir dann auch. Dieses Mal überprüfen wir Laki und das Auto noch viel sorgfältiger. Halsband, Haltüchlein, alles kommt sicher weg, wieder gehen wir unauffällig raus und begeben uns nach oben.

Diese Fähre ist noch luxuriöser als die erste. Chrom, poliertes Holz, Intarsien, Glas in allen Farben; das ist nicht nur eine Lounge, sondern das Foyer eines Luxushotels. Während Herr W. die Fahrt der letzten Stunden sacken lässt, gehe ich auf dem Schiff umher und sehe mich um. Im Laden kann wieder mit Euro bezahlt werden, was ich sogleich ausprobiere, es gibt mehrere Restaurants, einen Kinderspielbereich, eine Spielhölle mit einarmigen Banditen, die stets alle belegt sind, lange Flure mit Teppichbelag. Erst gegen Abend laufen wir in den engen Hafen Dublins ein, es ertönt die Ansage, dass die Fahrzeugbesitzer zu ihren Autos zurück dürfen. Wir sind gespannt, aber dieses Mal scheint Laki trotz der langen Zeit allein keinen Unfug getrieben zu haben. Vielleicht hat der nette blonde Mann mit der gelben Weste sie ja auf deutsch beruhigt.

Südengland

Bei der Überfahrt muss Laki im Auto bleiben. Wir haben einen Platz an der Seite des Laderaums bekommen, ziemlich weit vorne im Unterdeck, neben uns mehrere Laster. Beim Aussteigen aus dem Auto bemühen wir uns, möglichst wenig Aufhebens zu machen und gehen so beiläufig wie möglich einfach raus, sperren ab und steigen die Treppen zu den oberen Decks der Fähre hoch. Es gibt oben mehrere Aufenthaltsebenen, die oberste der Luxusklasse – ja, auch auf Fähren sind die Passagiere in Klassen aufgeteilt – aber die darunter ist für einfache Leute wie uns. Wir ergattern einen Platz an einem Tisch fast vorne, wo wir sowohl nach vorne als auch zur Seite Fenster haben. Überall Teppichboden und Glanz und Chrom. Es hätte auch ein Casino sein können. Beherrscht wird der Raum von einer runden großen Bar und viele der Passagiere nutzen sofort die Möglichkeit, hier englische Speisen und vor allem Getränke zu bekommen. Wir verzichten vorerst, da sich unser Vermögen in Englischen Pfund auf gerade mal sechseinhalb Pfund und fünfzehn Pennies beschränkt, welche ich noch zu Hause in der Schublade gefunden habe. Die riesige Klappe zum Unterdeck schließt sich, die Motorgeräusche werden lauter und wir legen wegen des Winds mit einiger Verspätung ab. Frankreich entschwindet nach hinten und vor uns öffnet sich der Kanal. Als wellengangerprobte Hurtigrutenfahrer nehmen wir die Dünung kaum war, aber am Nebentisch gibt eine Frau unter der fürsorglichen Anteilnahme ihres Mannes alles von sich, was sie in sich hat. Nach einiger Zeit zeigt sich am Horizont vor uns eine weiße Linie und beim Näherkommen erkennen wir durch die getönte Scheibe die Kreidefelsen Dovers.

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Endlich ertönt per Lautsprecher die Aufforderung, dass die Autofahrer zu ihren Fahrzeugen zurückkehren sollen. Unten im Laderaum ist es laut und warm, Neonröhren erhellen die Szenerie. Laki freut sich ein Loch in den Bauch, als wir ins Auto zurück kommen. Sie war jetzt gut eineinhalb Stunden allein, das ist für sie eigentlich keine besondere Leistung, in Pompeij hat sie viel länger auf uns warten müssen. Die eigentliche Ausfahrt dauert dann noch einmal einige Zeit, da die Passagiere der ersten Klasse nicht nur einen tolleren Aufenthaltsraum erhalten, sondern auch bevorzugte Ausfahrt. Die Fährlinien wissen, wie man Geld machen kann. Dann kommen Fahrräder, PKW, zuletzt Kleinlaster, Wohnmobile und LKW. Endlich rollen wir auf britischen Boden. LINKS FAHREN heißt ab jetzt unser Mantra, das wir uns vor jedem Start vorbeten. Das ist eigentlich nicht schwierig, aber bei jedem Kreisel – und davon gibt es hier sehr, sehr viele – und vor allem auf vierspurigen Straßen gerate ich immer wieder durcheinander, obwohl ich im Moment nur die Beifahrerin bin. Dass auf der Autobahn uns ein Fahrzeug rechts überholt, kann ich kaum verkraften. An einem Rastplatz halten wir schon nach kurzer Zeit an, da ich Laki die Gelegenheit geben möchte, sich zu entleeren. Neben uns ist ein englischer PKW, die älteren Leute sind aufgelöst, hat doch der Junior sich während der Fahrt übergeben und die Rückbank und den Fußraum und alles, was dort lag mit seinem Mageninhalt bedacht. Wir bieten ihnen unsere Küchenrolle an, doch sie meinen, sie kämen zurecht. Ich bin von mir begeistert, wie souverän ich dieses erste Gespräch mit „den Einheimischen“ hier bewältigt habe. Als die Leute weiterfahren, liegt neben dem Mülleimer der völlig verschmutzte Kindersitz. So kann man es auch machen. Laki nutzt ihren ersten Spaziergang auf englischem Boden, um Unmassen von Gras hektisch in sich reinzuwürgen. Eigentlich hätte ich da schon stutzig werden müssen. Doch in meinem Unverstand serviere ich ihr noch gleich ihr Abendessen, Fisch gibt es heute. Wir fahren weiter und kurz danach ertönen hinter uns die Würgegeräusche, die jeden Hundehalter auffahren lassen: Laki hat Gras, Fisch und alle Magensäfte in einem Schwall auf den Hundeteppich erbrochen. Darin komische rote Stofffetzen. Wie ich später erkenne, hat sie in ihrem Stress auf der Fähre ihr putziges rotes Halstüchlein, welches wir ihr im Herbst in Agrigent gekauft hatten, zur Hälfte aufgefressen. Also halten wir nochmal an, schütteln das Hundekissen aus, nötigen Laki zu einem weiteren Spaziergang, packen den Hundeteppich in einen der bewährten Swirl-Müllbeutel und fahren wieder weiter. Unser Ziel ist es, London südlich zu umfahren und erst dahinter einen Rastplatz zu finden. Unsere Wahl fällt auf einen kleinen Platz namens Morn Hill, nur wenig vor Winchester. Kurz vor 20 Uhr kommen wir an, erhalten den vorletzten freien Platz und bereiten ein Abendessen aus den Vorräten. Laki erhält eine symbolische Miniportion, bis ihre Verdauung wieder normal ist. Am nächsten Morgen gehe ich mit ihr auf den Hundespazierplatz, der Teil des Campingplatzes ist, und wir treffen eine Frau meines Alters mit ihrem Dackel. Frauchen und Hunde mögen einander und wieder stelle ich mit Genugtuunng fest, dass mein Englisch, das nun wirklich nicht das Beste ist, hier im Süden hervorragend verstanden wird, dass mir die Wörter aus dem Unbewussten nur so zufliegen und dass ich tatsächlich in der fremden Sprache kommunizieren kann fast wie in meiner eigenen. Gespräche beginnen hier IMMER mit dem Wetter, das entweder großartig ist – Engländer und vor allem Iren merken das an mit einem Stolz, als hätten sie dieses großartige Wetter eigenhändig hervorgebracht – oder es ist ziemlich schlecht/kalt/beides, woraufhin mit großer Zuversicht auf das demnächst bessere Wetter verwiesen wird. In unserem Fall geht es dann weiter über unseren Hund, der in der Regel als „wellbehaved“ gelobt wird. Dann entscheidet sich, ob mehr Themen angeschnitten werden. Meistens nicht, aber wenn, dann erfährt man wirklich eine Menge, kann auch Fragen stellen und bekommt seinerseits Fragen gestellt. Wenn wir mit Stellplatznachbarn in ein auch nur oberflächliches Gespräch kommen, werden wir bei der Abreise verabschiedet, als würden wir uns als die weltbesten Freunde trennen. Gewöhnungsbedürftig, das alles, aber wenn man sich drauf eingestellt hat, funktioniert es.
Wir wollen uns Winchester ansehen, es gibt hier eine Kathedrale, die in den Reiseführern gelobt wird. Doch zu meinem Entzücken ist hier auch Trödelmarkt! Wir gehen gemeinsam die Hauptstraße hoch, es wird viel altes Zeug angeboten, Händler aus der Umgebung stellen aber auch Antiquitäten raus. Herr W. sitzt auf einem Sessel Probe. Dieser Mann passt in jeder Hinsicht hervorragend in das gute Stück und der Händler wittert seine Chance. Er würde den Sessel auch auf den Kontinent liefern. Wir lehnen ab. Denn der geforderte Preis entspricht auch ohne die versprochene Lieferung in keinster Weise der Qualität.

Die gotische Kathedrale steht inmitten eines typisch englischen Friedhofs gleich neben der Hauptstraße. Schon hier ist das Gras deutlich grüner und saftiger als in Deutschland, sind die Pflanzen größer und kräftiger und die Bäume höher und stärker. Laki wartet widerwillig am Zaun und wir gehen hinein. Da Sonntag ist, ist der Besuch kostenlos. Beim Hineingehen nimmt es mir fast den Atem. Die Orgel spielt noch, da der Gottesdienst gerade geendet hat, die hohen Räume, die überreichen Verzierungen, der Duft der Lilien, all das übt eine Wirkung auf mich aus, der ich mich kaum entziehen kann. Wie benommen schreite ich nach vorne. Erst da fallen mir die Fliesen auf, sie sind quadratisch, rot-beige bemalt, sehr alt und ihre Muster ändern sich alle paar Meter. Im hinteren Teil gibt es eine kleine Plakette, die dem Taucher William the Diver gewidmet ist, der um die Jahrhundertwende jahrzehntelang unter dieser Kirche die mit Moorwasser volllaufenden Hohlräume in einem alten Taucheranzug erkundet und Stück für Stück mit Betonsäcken unterfüttert hat. Wenn sie gedurft hätten, hätten die Einwohner hier ihn ganz gewiss heiliggesprochen.

Auf dem Rückweg zum Auto kommen wir an einem Straßenmusiker vorbei, der neben sich eine programmierbare Puppe am Schlagzeug hat und vor sich einen kleinen elektronisch gesteuerten Hund vor dem Hut fürs Trinkgeld. Er selbst spielt Gitarre und die Musik ist wirklich gut. Das Besondere ist, dass sowohl der Schlagzeuger als auch der schwanzwedelnde Hund mit Leuchten versehene Skelette sind. Britischer Humor eben.

Ich hebe eine kleine Menge Britischer Pfund von meinem Konto ab, damit wir zumindest kleine Beträge begleichen können, größere Summen wie Campingplatzgebühren und Benzinkosten lassen sich hier sowieso leicht mit Kreditkarte begleichen. Mit Hilfe von Google finden wir einen Supermarkt, der auch heute am Sonntag offen hat. Das Angebot ist gut, leider gibt es keine lactosefreien Produkte, worauf ich angewiesen bin, aber ich habe noch einige Vorräte im Auto. Aber erste Eindrücke sind: Es gibt viel vorfabriziertes Essen, an Süßigkeiten herrscht kein Mangel, Fleisch ist fast unanständig billig, Bier und anderer Alkohol dagegen unverhältnismäßig teuer, das günstigste Bier kommt aus Italien!!!! Viele der einkaufenden Leute im Laden sind übergewichtig und ernähren sich offenbar recht ungesund, es gibt hier eine breite erkennbare Unterschicht. Wir kaufen ein fürs nächste Abendessen, beladen das Auto und fahren weiter in Richtung Salisbury.

Dort ergattern wir mit einem kleinen Trick einen Parkplatz mitten im Stadtzentrum und unterhalten uns kurz mit den dort an zwei Bänken lagernden Obdachlosen. Das passiert uns auf den Reisen immer wieder. Denn die Obdachlosen haben in der Regel Hunde, meist sogar recht gut erzogene. Da haben wir mit Laki immer ein Thema und vor allem Herr W. hat immer schnell einen Draht zu ihnen. Dabei erfährt man häufig ganz interessante Dinge, hier stellt sich beispielsweise heraus, dass zwei der Obdachlosen etwas zurückliegend deutsche Wurzeln haben.

Aber eigentlich wollen wir zur Kathedrale. Sowohl ich als auch Herr W. waren vor vielen Jahren schon mal dort, aber ich mag es, alten Erinnerungen neue Erfahrungen entgegenzusetzen und die alten Erinnerungen gegebenenfalls zu revidieren. Wieder liegt die wundervolle Kirche mitten im Grünen, leider kostet sie Eintritt. Doch der Zutritt zum Kreuzgang ist frei. Von dort gelangt man in einen lichtdurchfluteten achteckigen wunderschön verzierten hohen Raum. Erst ist uns gar nicht ganz klar, was das für ein Raum ist. Ringsum ist ein Fries mit alttestamentarischen Geschichten, die Decke ist kunstvoll als Rippengewölbe gestaltet, die Fenster sind hell und mit Mustern übersät, der Fußboden wieder mit bemalten rotbraunen Fliesen belegt. Interessant ist ein Zelt in der Mitte des Raumes, beim Ein- und beim Ausgang jeweils bewacht von einer Dame im amtlichen Kostüm. Wir stellen uns an, eigentlich ohne zu wissen, warum. Drinnen ist hinter einer Glasscheibe, angestrahlt von speziellen Scheinwerfern ein Originalexemplar der Magna Carta. Ich bin fassungslos. Die Wärterin neben mir meint freundlich, ich solle nur gucken, nicht fotografieren, das sei dem Papier nicht förderlich, Fotos könne ich draußen von der Kopie machen, was ich dann auch tue.

Die Magna Carta. Man hat uns in der Schule damit gequält und so wirklich habe ich damals im pubertären Alter nicht kapiert, was sie bedeutet. Heute erscheint sie auch mir als ein Meilenstein der historisch-politischen Entwicklung des Abendlands. Sie schränkt verbindlich die Willkür des Herrschers ein und bindet auch ihn an Rechte und Gesetze. Bis zur Idee von der Gleichheit alleer vor dem Gesetz ist es zwar noch ein weiter Weg, aber eine Sensation dürfte sie damals und für lange Zeit allemal gewesen sein.

Wir fahren weiter Richtung Stonehenge. Auch hier sind sowohl Herr W. als auch ich schon vor langer Zeit gewesen. Doch heute ist die gesamte Anlage touristisch voll erschlossen: ein großer kostenloser Parkplatz liegt vor dem riesigen Besucherzentrum, wo ein für uns unverhältnismäßig hohes Eintrittsgeld erhoben wird, der Steinkreis ist verborgen hinter hohen Mauern. Herr W. und ich sind uns einig, wir erhalten uns jeweils unsere Erinnerungen aus der Vergangenheit und verzichten.

Gleich ein paar Meilen weiter ist ein hübscher Campingplatz, und bei zunehmend besser werdendem Wetter checken wir ein. Unsere Essenvorräte können wir aufheben, da heute Lesley auf einer riesigen von unten mit Holzkohle beheizten Platte kocht. Dabei hat sie vieles vorbereitet und breitet dieses mit einem Spatel rasch auf der Platte aus, schiebt es wieder zusammen, wendet und gibt es auf unsere mitgebrachten Teller. Es kostet pro Person 10 Pfund, das Geld spendet sie für ihre Arbeit mit Flüchtlingen. Das Essen ist würzig, teils vegan oder vegetarisch, deutlich asiatisch inspiriert und sehr lecker. Später kommen wir mit Lesley ins Gespräch und lernen dabei eine kluge, weltoffene, hilfsbereite und sehr warmherzige Frau kennen.

Müde fallen wir ins Bett. Am nächsten Morgen unternehme ich mit Laki einen langen Spaziergang durch die typisch südenglische Landschaft hinter dem Campingplatz. Fasane, Kühe, und Schwäne fordern Laki heraus. Was bin ich froh, dass sie so gut folgt. Endlich normalisiert sich auch ihre Verdauung.

Weiter geht es nach Wales.

Auf zur Insel!

In Irland gibt es jedes Wetter, jeden Tag.
In Irland gibt es keine Schlangen.
In Irland gibt es steile Küsten und viel grüne Landschaft.
In Irland fahren die Autos links.
In Irland gibt es keltische Relikte.
In Irland haben die Leute rote Haare.
In Irland tragen die Kinder Schuluniformen.
In Irland können alle Leute gut singen.
In Irland gibt es schwarzes und bitteres Bier.
In Irland gibt es Hammelfleisch und Kohl und ansonsten wenig schmackhaftes Essen.
In Irland gibt es kaum lactosefreie Produkte. …

… Soweit die Vorabinformationen. Man sieht schon, dass mein Halbwissen ausschließlich auf den gängigen Vorurteilen beruht. Also Wohnmobil gepackt, Herrn W. und auch Laki eingeladen, und los. Doch was braucht man für solch eine Reise? Ich entscheide mich aus Sicherheitsgründen für die warme doppelte Jacke, die schon am Nordkap mit dabei war und meinen alten dicken grünen wollenen Pullover, für zwei Paar Wanderschuhe, gerippte Leggings, dicke Socken und für nur wenige luftige Sachen. Als Herr W. zugibt, er habe seine Badehose dabei, lege ich zuletzt noch etwas halbherzig den Badeanzug dazu. Jetzt, nach einer knappen Woche Irlanderfahrung, kann ich sagen, dass ich den Badeanzug wohl getrost daheim hätte lassen können und dass ich mir hier mit allerbestem Gewissen einen weiteren dicken wollenen warmen Pullover kaufen werde.

Die Fahrt führt uns über Köln und Aachen durch ein kleines Stückchen Holland nach Belgien. Da Herr W. und ich bereits im vergangenen Jahr in Belgien gewesen sind, entscheiden wir uns, nördlich von Brügge in einem kleinen Landgasthof zu Abend zu essen und die Wirtsleute zu fragen, ob wir das Wohnmobil dort über Nacht auf dem Parkplatz lassen können. Obwohl wir beide vom Vorjahr ziemlich genau wissen, wo der Gasthof ist, wie es dort aussieht und wie man dorthin kommt, ist er plötzlich wie vom Erdboden verschwunden und wir kurven endlos durch das flache Polderland, entlang vieler Pappelreihen, Kanäle und Priele und auf der neuen mittlerweile gebauten vierspurigen Schnellstraße mehrfach hin und her. Für den verfahrenen Sprit hätten wir schon fast das Abendessen bekommen. Kleinmütig kehren wir nach Brügge zurück und stellen das Wohnmobil gleich neben einem wunderschönen Park in einer Sackgasse am Seitenstreifen ab. Das wird unser Nachtquartier. Wir füttern Laki und begeben uns in die nahe Innenstadt, um unsererseits zu Abend zu essen. Anfangs noch ein wenig ziellos, bei einsetzender Dunkelheit und beginnendem Nieselregen deutlich zügiger durchqueren wir die Stadt. Vor einer Kirche liegt auf einer Bank eingehüllt in eine Decke im Dunkeln ein schlafender Mensch. Wir gehen in gebührendem Abstand vorbei und entdecken mehr aus Zufall, dass unter der Decke nackte Füße herausschauen. Der wird sich den Tod holen, denke ich noch, da zeigt mir Herr W. die Wundmale Jesu auf den Füßen des Schlafenden. Ungläubig nähere ich mich und erkenne erstaunt, dass dies kein Mensch, sondern ein bronzenes Kunstwerk ist, das sich in der Dunkelheit so echt ausnimmt. Es flößt mir eine eigentümliche Scheu ein, näher zu kommen und zu fotografieren. Ich, die sonst alles in die Hand nimmt und befingert, bringe es nicht über mich, die Skulptur anzufassen.


Mit LadyGoogles Hilfe finden wir im mittlerweile strömenden Regen zurück zum Auto, essen noch ein paar Happen vom reichlichen Proviant und schlafen.

Nachts gehen mehrere Wolkenbrüche über uns herunter und früh am Morgen schnappe ich die unruhige Laki, die in den vergangenen Tagen ständig mit diffusen Verdauungsproblemen gekämpft hat und ziehe mit ihr in den Park. Er begleitet auf beiden Seiten einen Kanal und geht ringförmig um die gesamte Stadt. Baumriesen schießen ins Laub, das Gras sprießt unbeschreiblich grün, und außer mir sind nur andere Hundehalter und ein paar Frühsportler in der feuchten Kühle unterwegs. Da entdecke ich in einer Seitenstraße ein paar Buden. Markt wird aufgebaut! Zu so früher Stunde kann ich sogar mit dem Hund dorthin. Der Markt ist groß und das Angebot reichtlich. Bei solchen Gelegenheiten bedauere ich immer, mit dem Wohnmobil auf Wanderschaft zu sein und nicht aus den frischen saisonalen und regionalen Produkten ein Menü kochen zu können. Die Preise sind sehr günstig und die Produkte unschlagbar frisch.
Schon kurz vor dem Markt sind mir die Möven aufgefallen, die mit ihrem schrillen Geschrei einander ständig anmachen. Aber hier klingt das irgendwie anders. Da sehe ich ganz am Ende des Marktes einen Kleinlaster, von dem ein Mann und eine Frau Hühner, Gänse, Küken, Wachteln und eine Menge weiteren mir unbekannten Federviehs verkauft. Das was ich gehört habe, war das Krähen der Hähne, und nicht das Geschrei der Möven. Laki ist hin und weg. Gebannt starrt sie die Tiere in ihren Drahtkäfigen an. Ich glaube, sie wäre in diesem Moment durch keine noch so liebevolle Ansprache erreichbar gewesen.

Ein Ehepaar kauft Küken. Je fünf werden aus dem Drahtkäfig gehoben und in einen mit Luftlöchern versehenen Pappkarton gesetzt, der mit Sorgfalt verschnürt wird. Die Kunden bezahlen und gehen mit insgesamt vier Paketen zum Auto zurück. Ich stelle mir vor, wie sie nach Hause fahren und dort im Schuppen die Kartons öffnen, zusehen wie die Küken aus den Kartons herauskommen, wie die Kleinen sich allmählich in ihrer neuen Umgebung zurecht finden, wie die Eheleute den Tag über immer wieder mit zwei Tassen Tee dabei stehen und gucken, was sie da wohl für neue Mitbewohner haben. Über das Ende der Geschichte im Herbst mag ich mir noch keine Gedanken machen. Kurz bevor der Hagelwolkenbruch einsetzt, bin ich wieder am Auto.

Eine halbe Stunde später stapfen wir durch das viele Hageleis auf den Gehwegen zum Markt zurück. Wir erstehen fünf unglaublich leckere Plunderstückchen und kehren in einem schönen Cafe zu Tee und Kakao ein.

Derart gestärkt (und auf der Toilette entleert) steuern wir Calais an. Wir haben noch keine Tickets für die Überfahrt, denken aber, dass das kein Problem sein sollte. Die Route ist gut ausgeschildert und ein riesiger leerer Parkplatz vor dem Terminal zeigt uns, dass die letzte Fähre wohl vor kurzer Zeit abgelegt hat. Wir kaufen Tickets und Herr W. schlägt vor, dass wir uns in der uns verbleibenden Zeit Calais ansehen könnten. In diesen Dingen bin ich ein rechter Hasenfuß. Ich habe immer Angst, dass wir durch irgendeinen Umstand die Fähre versäumen könnten. Nur mit einigem Zureden schafft es Herr W. mich zu überzeugen.
Calais selbst ist wirklich ganz nah an der Ablegestelle und wir finden sogleich einen Parkplatz. Der Markt wird hier gerade abgebaut und auch hier streiten sich die Möven lautstark um jedes noch so kleine Fitzelchen Müll. Laki würde nur zu gerne mitmischen und ich bin sicher, dass sie trotz Leine das ein oder andere Stück erwischt. Am Ende des Platzes gibt es einen Kiosk, die FRITERIE CLAUDIA. Die Tür schließt nicht, weil zu viele Menschen anstehen. Da sind wir doch dabei. Mit großen Augen schauen wir gebannt zu, wie Claudia – wir nehmen an, dass sie so heißt, eine junge blonde Frau mit kräftigen bloßen Oberarmen – wie sie insgesamt drei Fritteusen, einen Schnellgrill, die Getränkeausgabe und die Kasse managt, wie sie mit allen Leuten freundlich und interessiert spricht, blitzschnell Mengen und Beträge im Kopf überschlägt und dabei noch flink und sauber arbeitet. Früher hätte man solch eine Frau „patent“ geheißen und sie wäre mehr als eine gute Partie gewesen. Als wir an der Reihe sind, helfen alle im Kiosk zusammen, so dass wir trotz der Sprachbarrieren kurz darauf eine riesige Menge goldgelber Pommes mit zwei verschiedenen Soßen im braunen Wachspapier haben. Draußen begrüßt uns ganz hoffnungsvoll die angebundene Laki und Herr W. und ich essen schweigend genießend. Das können sie hier. Man muss es ihnen einfach lassen.


Natürlich kommen wir rechtzeitig an die Fähre. Durch verschiedene Stationen werden wir von winkenden Männern entlang der vorgesehenen Spurlinien geleitet. Jetzt werden wir wegen des Hundes angehalten. Im Häuschen sitzt eine dunkelhaarige Dame mittleren Alters. Mit klopfendem Herzen lege ich die Papiere vor. Von meiner Tierärztin habe ich schon ein paar Schauergeschichten über diese Prozedur gehört und hoffe natürlich, dass bei uns nichts beanstandet wird. Die Dame in ihrer Box studiert mit unbewegtem Gesicht den Hundeausweis. Blättert um. Blättert zurück. Ich fühle mich wie damals, als ich als junge Frau die Grenze der DDR überquerte: man hat ein schlechtes Gewissen und weiß nicht warum. Endlich reicht sie mir ein ringförmiges Gerät durch das Fenster, ich solle Lakis Chip auslesen. Doch irgendwie kriege ich das nicht hin. Natürlich werde ich leicht panisch. Laki hat einen Chip. Das weiß ich. Da steht die Dame auf, kommt um das Häuschen herum zum Auto und verlangt, dass ich die Tür öffne. Ich öffne, Laki schießt heraus, freut sich, die Dame lächelt, streichelt den Hund, liest den Chip aus, vergleicht mit den Angaben im Ausweis und wünscht uns eine gute Reise.

Mein erleichtertes Herz plumpst in die Untiefen des Channels.

Sonntag in Prag, Montag, Dienstag, Mittwoch

Am nächsten Morgen ist das Wetter durchwachsen. Dennoch beschließen wir nach dem Frühstück, in etwas weiterem Bogen die Stadtteile Smichov und Mala Strana zu umrunden und so zum Hradschin zu kommen. Dabei erfreue ich mich immer wieder am Prager Pflaster. Es sind kleine würfelförmige Pflastersteine in hellem und mittlerem grau, die zu den unterschiedlichsten Ornamenten zusammengefügt sind. Alle paar Meter ändert sich das Muster. Herr W. und ich mutmaßen im Spaß, dass es im Prager Hochbauamt eine ganze Reihe von Pflasterkünstlern gibt, die nichts anderes tun, als solche Zierleisten zu entwerfen. Wir sind erstaunt, wie viele neue es gibt, bisweilen finden wir ein Muster, das wir schon kennen. Wir schließen Wetten ab, ob wir ein Muster schon gesehen haben und laufen auch mal Umwege um zu beweisen, dass der eine Recht und der andere Unrecht hat. Und das Tollste ist: Die Pflasterleger machen Fehler! Wenn ich einen solchen Fehler finde, rege ich mich furchtbar auf. Mein zwanghafter Anteil kann dann kaum weiterlaufen. Herr W. grinst sich dann eins und Laki weiß mal wieder nicht, was das Ganze soll.

Leider regnet es sich ein. Auch steckt uns der vergangene Abend noch in den Knochen. Irgendwie fühlen wir uns nicht … . Also kehren wir um zur Wohnung und beschließen, das Auto zu nehmen, was den Vorteil hat, dass wir Laki im Fahrzeug lassen können, während wir uns etwas ansehen. Gemäß der Vereinbarung versuchen wir den Vermieter auf dem Handy zu erreichen, damit er uns das Tor per Fernbedienung öffnet. Aber er geht nicht ran. Auch nach Minuten nicht. Das kann nur den einen Grund haben, dass die junge Familie im Kreissaal ist. Und tatsächlich erscheint kurz darauf die Mutter der jungen Frau und meint, sie sei ganz aufgeregt, das Baby komme, heute. Wir versprechen, die Daumen zu drücken, sie öffnet uns das Tor und wir fahren raus.

Das Navi führt uns durch Tunnel und später viele Serpentinen bergan. An einem kopfsteingepflasterten Platz stellen wir das Auto ab. Laki guckt dumm, aber bei dem Wetter haben wir kein schlechtes Gewissen, sie im Fahrzeug zu lassen. Wir passieren einen Torbogen und sind im Kloster Strahov, einem Prämonstratenserkloster. Herr W. weiß hier von einer weltbekannten Bibliothek, die wir uns ansehen möchten. Auch hier ist Eintritt zu entrichten, falls man fotografieren möchte, fällt ein zusätzliches Entgelt an. Mal sehen …

Es ist ein kleines Museum mit ein paar netten Exponaten im Vorraum. Das Besondere sind Vitrinen mit Kopien wertvoller Handschriften. Hingerissen bleibe ich stehen. Wie gerne würde ich meinen Schülern vermitteln, dass Schrift nicht nur etwas ist, was man in Windeseile aufs Papier bringt, damit irgendwer es liest. Ihnen zeigen, dass Schrift auch höchsten ästhetischen Ansprüchen genügen kann, eine eigene Rhythmik hat, dass man sie in Blöcken anordnen kann, dass man Zeilen verbinden oder trennen kann, dass man einzelne Buchstaben durch Form oder aber auch Farbe hervorheben kann, dass ein Anfangsbuchstabe eines Absatzes oder gar einer Seite eine Aussage für sich haben kann! In meiner Kindheit gab es noch Schönschreibunterricht, zumal ich eine Klosterschule besuchte. Und je nach Lehrkraft wurden solche Dinge durchaus angesprochen und geübt. Wenn ich meinen Schülern dagegen Schriftnoten erteilen müsste, ohwehoweh!

Eine geöffnete Flügeltür zeigt den Philosophischen Bibliothekssaal. Hinein kann man nicht, es gibt ein Absperrband. Was für eine Bibliothek! Das Wort Bücherei kommt mir hier nicht mehr in den Sinn. Es ist eine Augenweide. Ein paar Meter weiter gibt eine andere Flügeltür den Blick auf den Theologischen Bibliothekssaal frei. Die Regale sind hier zweckmäßiger, doch ist die Decke noch viel kunstvoller gestaltet. Da alle Besucher fotografieren, tue auch ich mir keinen Zwang an, obwohl ich die Gebühr fürs Aufnehmen nicht entrichtet habe. Prompt bekomme ich eine Abmahnung von der Aufseherin. „IIICH??? Och nö. Ich hab doch nur mit meinem Handy. ….“ (Manches lernt die Grundschullehrerin auch von den Schülern.)

Draußen laufen wir durch Weinberge zum eigentlichen Hradschin, immer darauf bedacht, dass wir nicht am Auto vorbeikommen, wo Laki uns entdecken könnte. Vor dem St.-Veits-Dom gibt es eine Taschenkontrolle. Das hat uns ja gerade noch gefehlt! Natürlich habe ich mein Opinel-Messer wieder dabei. Herr W. bietet spontan seine Hilfe an und wir wollen unser Spielchen von Palermo wiederholen. Er nimmt das Messer und versteckt es in der Bepflanzung, so dass ich meine Tasche unbesorgt präsentieren kann. Dass die Kontrollen diesmal nicht so genau sind, wissen wir da noch nicht. Wir umrunden den Dom und bewundern die Wasserspeier, die gotischen Elemente, die Goldene Pforte. Als wir endlich hineinwollen, ist der Dom geschlossen. Pech.

Herr W. fühlt sich nicht gut. Ihm ist leicht übel. Daher ist uns das ganz recht, dass wir nicht in den Dom können. Wir verlassen das Areal, nicht ohne noch rasch nach dem versteckten Messer zu sehen. Aber irgend so ein Spitzbube hat Herrn W. beim Verstecken beobachtet und das Opinel geklaut. Nun sind wir um eine Erfahrung reicher und um ein Messer ärmer.

Laki freut sich ohne Ende, dass wir wieder da sind, begibt sich dann aber sogleich wieder in ihr Körbchen im Kofferraum. Wir fahren los. Auf dem Heimweg interpretieren wir die Anweisungen des Navis falsch und landen in einem Parkhaus. Glücklicherweise gibt es auch hier in Tschechien die Möglichkeit innerhalb der ersten Minuten nach der Einfahrt ohne Entgelt wieder aus einer Tiefgarage hinauszufahren. So kommen wir endlich in unserer kleinen Wohnung an. Wieder öffnet die Schwiegermutter des Vermieters das Tor und wir erfahren, das der kleine Milan geboren sei. Ein Sonntagskind. Gewicht und Größe werden genannt und die ersten Bilder werden stolz gezeigt. Da sind die Menschen doch überall auf der Welt gleich.

Und dies ist im Wesentlichen das Ende unseres Pragbesuchs. Ob es die Wurst vom Markt war, das Bier am Samstagabend, oder irgendeine Schmierinfektion: Zunächst Herr W. und tags drauf auch ich hüten das Bett. Wir sind sehr froh, dass wir eine kleine Wohnung haben und nicht nur ein Hotelzimmer. Als wir am Mittwoch nach Hause fahren, geht es Herrn W. schon wieder recht gut, ich döse noch etwas matt auf dem Beifahrersitz. Nur Laki, die hat es nicht abgekriegt. Aber die hat ja auch kein Bier getrunken.

Kreuz und quer durch Prag – mit Party am Schluss

Es ist Samstag. Samstag ist Markttag, das ist hier in Tschechien offenbar ganz genauso wie bei uns in Deutschland. Der Vermieter hat uns den Markt an den Moldauufern ans Herz gelegt, ich liebe Märkte, und wir wollten ohnehin auf die andere Moldauseite, so sind wir uns schnell einig. Gleich am Anfang des Markts gibt es Live-Musik. Herr W. freut sich und wir hören eine Weile zu. Laki verbringt unterdessen die Zeit damit, die Hunde anderer zuhörenden Hundeherrchen kennen zu lernen. Dann reiht sich Stand an Stand. Es gibt überwiegend Kulinarisches, und obwohl das Frühstück noch nicht lange her ist, wird ein bisschen Gebäck gekauft. Meine Freundin Vroni, die ihre Kindheit hier in Tschechien verbracht hat, hat uns schon Bilder von Leckereien geschickt, die unbedingt gekostet werden müssen. Wir gleichen ab und holen uns per Whatsapp ihren Segen. Und ja, Vroni hatte Recht. Das Zeug schmeckt göttlich!

Weil die Temperaturen immer noch in Kühlschranknähe sind, decken wir uns am Wurststand fürs morgige Frühstück ein. Dann geht es hoch zum Vyšehrad. Die so genannte Prager Hochburg ist eine ehemalige Burg auf einem der beiden Berge, die seit Jahrhunderten befestigt sind. Dazwischen liegen Prag und die Moldau. Der Fußweg dorthin windet sich in Serpentinen durch nach oben. Immer wieder lohnen schöne Ausblicke, leider ist es heute bewölkt. Ganz oben kann man hinunterschauen auf einen Mauerrest im Fels, hoch über der Moldau. Den nennt man Libussas Bad. Denn der Sage nach hat die Fürstin Libuše dort ihre zahlreichen Liebhaber empfangen und sie bei Nichtgefallen durch eine Mauerritze hinunter in die tosende Moldau geschubst. Jahrhunderte später dürfte das nicht mehr ins gängige Frauenbild gepasst haben. Oben gibt es eine große Kirche Sankt Peter und Paul, die man fast in der gesamten Stadt Prag sehen kann. Wieder kostet es Eintritt, wir verzichten. Daneben ist der berühmte Ehrenfriedhof aus dem 19. Jahrhundert. Viele hochrangige Personen Prags haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Wir binden Laki ans schmiedeeiserne Gitter und gehen hinein. Viele der Gräber sind monumentale Jugendstilhallen, teils wunderschön. Man kann anhand der Plastiken und Bilder sehr gut sehen, wie unterschiedlich die einzelnen Auftraggeber und ihre jeweiligen Künstler mit dem Thema „Tod“ umgingen. Wir schlendern, entziffern, ich fotografiere, erst das Gebell der entrüsteten Laki beschleunigt unsere Schritte.

Als wir wieder unten ankommen, endet gerade der Markt auf unserer Moldauseite, also steigen wir in eine der Fähren und setzen über, zu unserem Erstaunen kostenlos. Drüben laufen wir die andere Marktseite ab und gelangen zu unserer Wohnung, wo wir Wurst in den Kühlschrank legen, uns einen Kaffee machen und weitere süße Stückchen verspeisen. Als wir aufgewärmt sind, ist es noch zu früh, um zum Abendessen zu gehen, also ziehen wir noch einmal los. Herr W. hat ein Areal auf dem Stadtplan ins Visier genommen, das er sich gerne ansehen würde. Mit mir klappt das leider ganz, ganz schlecht, daher landen wir in Malá Strana, einem Stadtteil auf unserer Moldauseite nördlich unseres Stadtteils. Es gibt zunächst pompöse Bürgerhäuser und auch Villen in Parks, später kleine niedliche Häuschen mit Bauerngärten. Unversehens sind wir an der Karlsbrücke. Jetzt dränge ich darauf, drüber zu laufen. Es sind zwar furchtbar viele Menschen da, ein Junggesellenabschied sorgt für ordentlich Radau, aber der Blick zurück auf den Hradschin ist wunderschön. Auf der Brücke gibt es insgesamt 30 steinerne Statuen, die im Laufe der Zeit von verschiedenen Künstlern geschaffen wurden. Nicht alle sind gleich künstlerisch wertvoll, ein Teil stellt weltliche, der Großteil christliche Personen dar. An einer der mittleren Figuren sind unten zwei Bonzetafeln mit Bildern, eine Szene mit Hund und eine mit einer Frau, wohl die Muttergottes, die einem Brückensturz beiwohnen. Sowohl der Hund als auch die Frau sind so oft berührt worden, dass sie leuchtend glänzen. Auch jetzt drängen unzählige Leute dorthin und schicken sogar ihre Kinder vor, dass sie diese beiden Stellen berühren. Was der tiefere Sinn ist, bleibt uns unklar. Am Ende der Brücke gibt es eine Einheit mit der Heiligen Margarete, der Heiligen Barbara und der heiligen Elisabeth. Warum die Heilige Barbara so viel höher steht als die Heilige Margarete, werde ich mit meiner lieben Schwester wohl noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit in alle Ruhe ausdiskutieren müssen. …

Drüben sind wir endlich in dem Gebiet, wo Herr W. eigentlich hin wollte. Es erstreckt sich zwischen Nationaltheater und Altstätter Ring. Wir verlaufen uns dann auch prompt, finden dadurch jedoch die Heilig-Kreuz-Rotunde in der Altstadt. Rotunden sind, wie der Name schon verheißt, Rundbauten, die aber über eine Apsis verfügen. Es gibt hier in Prag einige davon, schon am Vormittag haben wir am Vyšehrad die bedeutendste Rotunde zu Ehren des Heiligen Sankt Martin gesehen. Doch leider sind sie immer geschlossen, wenn wir kommen.

Mittlerweile ist es wieder sehr, sehr kalt. Finde ich zumindest. Und Hunger habe ich auch, daher wollen wir der Einfachheit halber geradewegs wieder zu unserem Lokal um die Ecke, zur Bulldog-Bar gehen. Dort findet jedoch eine geschlossene Veranstaltung statt und wir sind gezwungen, uns anderweitig umzusehen. Da Smíchov ein Stadtteil zum Wohnen ist, sollte das auch am Samstagabend möglich sein. Und wirklich finden wir gerade eine Straße weiter einen Club mit Bierausschank, kleiner Speisekarte und – heute Abend Livemusik!!! Wer mich kennt, der weiß, dass das zunächst einmal schwierig für mich ist, zumal an unserem Tisch viele junge Leute schon recht viel getrunken haben, die Instrumente in Spuckweite aufgebaut sind und ich mit Laki quasi im Laufgang der gehetzten Bedienung sitze. Aber, was soll ich sagen, es wird absolut großartig! Am Tisch sitzen Prager, Österreicher und eine Polin einmütig zusammen, Laki schlarwenzelt darunter herum, frisst den Müll und lässt sich dabei von allen streicheln. Das Bier kommt aus einer riesigen Brauerei eine Straße weiter, heißt Staropramen und schmeckt unerhört lecker, so dass ich hier nicht berichten möchte, wie viele Gläser am Ende auf Herrn W.s und meiner Rechnung stehen. Der Musiker ist ein (offenbar österreichischer) Alleinunterhalter mit Künstlernamen Bruce, der seinen Job richtig gut macht. Am Ende tanze ich mit einem Jungen, der nur wenig älter ist als mein Enkel, Laki gesellt sich schwanzwedelnd auf die Tanzfläche dazu.

Und bevor es richtig peinlich werden kann, sind wir schon wieder in unserem Appartment.

Und nein, Bilder gibt es keine.

So kalt ist Prag, so voll – und so schön!

Am nächsten Morgen versuche ich mit Laki einen Ort zum Gassigehen zu finden, was ziemlich einfach ist. Denn gleich um die Ecke gibt es einen kleinen hübschen Park, mit vier großen Bäumen an den Ecken, einem schmiedeeisernen Zaun rings herum, Rosen an Rankgittern, Tulpenbeeten, dem obligatorischen Gusseisernen Brunnen mit Bären und Bärentöter. Dort gibt es einen Weg außen herum und Hundebesitzer kommen und gehen. Laki tut, was von ihr erwartet wird und ist nun frei, die Bekanntschaft von Chicco zu machen, der sie einfach große Klasse findet. Ich spreche das junge Herrchen an, Stepan, und er erzählt mir, dass er gerade versuche Deutsch zu lernen und ich gestehe ihm, dass ich heilfroh bin, nicht Tschechisch lernen zu müssen, eine Sprache, die mir allein vom Schriftbild so unverständlich wie chinesisch erscheint. „Da, zum Beispiel,“ ich deute auf ein Schild über einem Ladenlokal, „das Wort in der Mitte, was ist das? Diese Schwälbchen, Stäbchen, Ringlein – wie soll man das aussprechen?“ img-20190413-wa00001685883637.jpeg

Stepan spricht es mir vor, es klingt ungefähr wie „Tutschznjiaakuo“ und meint, das heiße PINGUIN. (… Na klar, sieht doch jeder!!!! …) Ab jetzt finde ich mich damit ab, dass diese Sprache ganz offensichtlich sehr hochstehend und überaus komplex ist. Aber nicht jeder muss alles können. Und ich werde diese Sprache in den paar Tagen hier ganz gewiss nicht lernen.

Auf dem Weg zurück in die Wohnung finde ich einen gut sortierten Supermarkt, die wichtigsten Wertstoffcontainer und ein Restaurant ZUR BULLDOGGE mit recht ansehnlicher Speisekarte und vier verschiedenen Zapfhähnen. In der Wohnung frühstücken wir erstmal ausgiebig, denn wir sind mit einer Kühltasche angereist und können auf löslichen Kaffee, Tee, selbstgemachte Marmelade, Butter, Brot und Käse zurückgreifen. Die Wohnung verfügt über die wichtigsten Küchenutensilien und einen Tisch mit Stühlen.

Da ich schon am Abend vorher nicht wirklich warm war, ziehe ich mich heute noch ein ganzes Stück wärmer an, alles, was so möglich ist. Gegen die mit Sorgfalt zurechtgemachten Tschechinnen falle ich da zwar deutlich ab, aber erstens bin ich Deutsche (und die laufen in fremden Ländern sowieso immer rum wie schlecht verbundene Finger. Nur Engländerinnen sind schlimmer.) Zweitens bin ich über 60 – ja, ich habe es in der Zwischenzeit geschafft – und da muss ich stylingmäßig nicht mehr mit den 30-jährigen mithalten. Und drittens ist eine Blasenentzündung das Letzte, was ich im Leben noch mal haben möchte.

Auch Herr W., der eigentlich nie friert, zieht einen Pullover unter den Anorak, Laki muss mal wieder so bleiben wie sie ist. Und so ziehen wir los. Erst geht es ein Stück runter zur Moldau und dann entlang des Wassers. Wir entdecken weitere Parks, alle klein, aber auf ihre Art jeder ein Kleinod. Alle haben an den Ecken große dominante Bäume mit tief hängenden Ästen, eine Buche, eine Eiche, … aber auch mir gänzlich unbekannte Bäume. Hier in Prag haben die Städteplaner immer wieder an die Stelle, an der eine Straße rechtwinklig auf den Fluss stößt, eine Grünanlage gestaltet. Häufig ist ein Denkmal für irgendeine damals wichtig erscheinende Person die Legitimation. Aber heute, weit über 100 Jahre später, ist das ein Glücksfall, denn so blieben städtebauliche Filetstücke frei und geben der Stadt gerade jetzt im Frühjahr eine Stimmung von Aufbrechen und Üppigkeit. Repräsentative Stadthäuser säumen die Straßen, Jugendstil in seiner prachtvollsten Form, aber auch Neorenaissance und Neoklassizismus, alles aufs Feinste renoviert. Ich fotografiere Details der Häuser bis Herr W. und Laki einfach ohne mich weiter gehen und ich hinterherrennen muss.

Am Wasser gibt es Schleusen, Inseln, Seitenarme, Stufen, Wehre. Denn die Moldau ist zwar breit, aber ziemlich flach. Und deswegen muss es jeweils in Ufernähe eine Möglichkeit geben, dass die vielen Ausflugsschiffe die Hürden nehmen. An der Insel Kampa hat sich beispielsweise ein Seitenarm der Moldau in einen Wildbach verwandelt, es gibt dort eine Mühle.

Laki findet Freunde um Freunde und ich fange langsam an zu frieren. Wir überqueren eine Brücke und kommen der Altstadt immer näher.

Leider sind wir nicht die Einzigen. Obwohl weder Wochenende noch Feiertag und – mit Verlaub – saukalt: Es sind unheimlich viele Leute aus aller Herren Länder hier, die ganz genau das Gleiche sehen wollen wie wir. Und zu allem Überfluss haben Händler ihre Chancen erkannt und mehr als genutzt. Herrn W. frustriert das. Er erinnert ein kleines Plätzchen an der Moldau, darauf ein Smetana-Denkmal, wo er früher einsam mit dem Komponisten Zwiesprache hielt. Heute sitzt Smetana auf seinem Denkmal inmitten eines italienischen Eiscafes, Leute machen sich einen Spaß daraus, sich möglichst effekthascherisch daneben zu platzieren und ein vermeintlich originelles Foto zu kreieren, wo Smetana zur lächerlichen Staffage verkommen muss. Alte Arkaden sind bis zum letzten Millimeter an Händler für Nepp aus Fernost vermietet. An der Karlsbrücke setzt ein Mann  einer jungen Asiatin zwei rosa gefärbten Tauben auf den Arm, klaubt ihr gleichzeitig in Windeseile ihr Handy aus der Hand und macht ein Bild von der ängstlich blickenden Dame mit den zwei Tauben in den Händen – gegen Entgelt versteht sich. Auch den jüdischen Friedhof können wir nicht besuchen. Eigentlich war uns das schon im Vornherein klar, wir haben ja einen Hund dabei, und Hunde dürfen nun mal nicht auf Friedhöfe, egal ob jüdisch oder christlich. Aber hier nähern wir uns und werden schon beim Anblick verwiesen. Dass wir hätten Eintritt bezahlen müssen, finde ich einfach unpassend. Auch alle Kirchen verlangen Eintritt. In meinen Augen widerspricht das dem allerersten Anliegen der Kirchen, offen zu sein für die, die kommen wollen.

Mittlerweile bin ich so kalt, dass wir ein Cafe zum Aufwärmen suchen. Danach steuern wir den Altstädter Ring an. Auch hier gibt es viele Buden, denn ein Ostermarkt hat die freie Fläche eingenommen. Da dies nur vorübergehend sein dürfte, mag es noch hingehen. Es werden wie überall in der Stadt Trdelník hergestellt, das ist ein slowakisches Gebäck, bei dem Teig über Holzstangen gewunden wird und über offenem Feuer gebacken wird. Danach wird die gesamte Rolle mit Zucker, Zimt, Nuss oder Mandel bestreut und in Stücke geschnitten. Ganz unhistorisch füllen die Händler hier aber noch Cremes, Nutella oder Eis in die Teigringe. Auch Prager Schinken wird am offenen Feuer gebraten und in Stücken verkauft. Als ich fotografiere, fährt mich der Koch an, dass ich den Schinken ins Bild nehmen dürfe, aber nicht ihn, den Koch. Ich habe ein bisschen das Gefühl, den Menschen hier in der Stadt geht es genauso wie mir: Es ist etwas viel für uns alle.

Die Leute sammeln sich an der Rathausuhr, denn gleich ist es 14 Uhr und dann fangen die Figuren sich an zu drehen. Wir ergattern einen Platz, von dem wir gut sehen und wo Laki nicht stört, und wohnen bewegt dem kurzen Schauspiel bei. Es ist eine Uhr, die aus mehreren Teilen gestaltet wurde, und deren verschiedene Scheiben Zeit und Datum anzeigen und wo Christus und Apostel sowie Allegorien sich zur vollen Stunde bewegen. Geschaffen wurde sie in einer Jahrzehnte dauernden Epoche nach 1410.

Ganz nebenbei gucke ich natürlich auch Schaufenster. Alle international bekannten Marken sind hier mit eigenen Stores vertreten, die wie überall auf der Welt große Ladenfläche mit sparsamem Angebot und gelangweilten Verkäufern oder Verkäuferinnen beherbergen. Daneben gibt es unglaublich viele Läden für Süßigkeiten, wo ich zwar nie naschen würde, aber den Fotoapparat kaum still halten kann und es gibt ganz viele Spielwarengeschäfte.

Bei einer Passage bleibt Herr W. plötzlich stehen. Er kennt sie, aus dem Fernsehen. Es ist die Passage, in der 1989 während der sogenannten „samtenen Revolution“ Menschen zusammengeprügelt wurden, obwohl eigentlich schon alles entschieden war. Heute ist die Passage zugebaut und Teil eines Hotels. Doch gibt es einen Teil, der offen zugänglich ist, wo man Bilder von dem furchtbaren Ereignis sehen kann. Draußen gibt es eine Plakette, Passanten haben einen Strauß Narzissen dahinter geklemmt.

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Mir reicht es. So kalt war ich schon ewig nicht mehr. Wir eilen uns, dass wir nach Hause kommen. Heute Abend essen wir in dem Bulldog-Restaurant bei unserem Apartment gleich um die Ecke. Es ist eine kunterbunte Sportbar mit riesigen Sprungschi an der Decke und einem Großbildfernseher im Nebenzimmer, die Bedienung ist supernett, wir erhalten einen tollen Platz und Herr W. versucht sich an einem „Schweineknie“, wie hier die Ofenhaxe übersetzt wird.

So müde bin ich schon lange nicht mehr ins Bett gefallen!